ArchivRechercheLouis Pasteur: Widerspruch
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Der Autor der Leserzuschrift stellt gleich im ersten Satz fest, dass in (meinem) Artikel „einiges nicht dem Stand der Forschung entsprechend dargestellt sei“. Das sind starke Worte, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Bei seiner Feststellung bezieht er sich auf das mittlerweile schon 15 Jahre alte Buch von G. L. Geison („Pasteur’s Private Science“). Um dieses Buch hat es übrigens interessanterweise bis 1997 eine heftige Kontroverse gegeben, die sowohl von Max Perutz (dem Chemie-Nobelpreisträger von 1962) als auch dem Radiologen und Medizinhistoriker William C. Summers und nicht zuletzt von Geison selbst sehr polemisch geführt wurde.

Doch nun zur Sache: Pasteur hatte noch am 12. Juni 1885, also dreieinhalb Wochen vor dem denkwürdigen Ereignis der Tollwutimpfung bei Joseph Meister, einem Bürgermeister aus seiner Heimatregion, der Franche Comté, geschrieben, „. . . mais mes recherches au point où elles sont ne me permettent pas encore d’agir sur l’homme“, dass es also der gegenwärtige Stand seiner Tollwutforschung noch nicht erlaube, bereits beim Menschen zu handeln. Was die in der Zuschrift genannten Fälle angeht, bei denen Pasteur zuvor Heilversuche unternommen haben soll, so muss bei dem einen die Frage, ob es sich angesichts der zweifelhaften Symptome überhaupt um eine Tollwut gehandelt hat (wie argumentiert wird), letztlich als ungelöst betrachtet werden, während das Mädchen, das offenbar danach behandelt wurde, ohne Zweifel schon im Endstadium der Krankheit angelangt war. Den Widerspruch zwischen Pasteurs Aussage, wonach man noch nicht am Menschen tätig werden könne und den Berichten über die zwei vorausgegangenen „Therapie“fälle wird man vermutlich nicht mehr aufklären können; zumal die Ausgabe der Pasteur’schen Werke derzeit im sechsten Band bedauerlicherweise gerade hinsichtlich seiner Tollwutstudien eine Lücke aufweist.

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Im weiteren Verlauf seiner Zuschrift spricht der Autor davon, dass der Junge „vielleicht . . . ja gar nicht infiziert“ gewesen sei, was angesichts der Verletzungen, die er davongetragen hatte, nicht nur aus damaliger, sondern auch aus heutiger Sicht ziemlich unwahrscheinlich ist. Dasselbe, recht wohlfeile Argument wird im Übrigen auch gern von Impfgegnern jedweder Couleur ins Feld geführt, wenn es um die Frage der Effizienz von Immunisierungsmaßnahmen geht . . .

Univ. Prof. Dr. Dr. Friedrich Hofmann, Bergische Universität Wuppertal, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut, 42119 Wuppertal

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