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MEDIZIN: Diskussion

Das schwerhörige Kind: Schlußwort

Ptok, Martin

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Martin Ptok in Heft 28-29/1997
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LNSLNS Zum Beitrag von M. Hördt et al.
Neben dem Jervell- und Lange-Nielsen-Syndrom, über das Hördt und Kollegen ausführlich aus kardiologischer Sicht berichten, gibt es eine ganze Reihe anderer syndromaler Erkrankungen mit Hörstörungen. Daher sollten nach jeder Erstdiagnostik einer kindlichen Innenohrschwerhörigkeit unter anderem auch ein EKG, eine Schilddrüsenuntersuchung, eine augenärztliche Untersuchung sowie eine Nierenuntersuchung zum Ausschluß solcher syndromalen Erkrankungen durchgeführt werden.
Zum Beitrag von V. Baschek
Die Ausführungen von Baschek sind nur teilweise richtig:
Die technischen Möglichkeiten für die Diagnostik kindlicher Hörstörungen sind, wie ja von mir ausführlich beschrieben, deutlich verbessert worden. Dennoch wird in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, die Diagnose einer Schwerhörigkeit bei Kindern häufig viel zu spät gestellt und damit leider auch eine adäquate Therapie beziehungsweise Rehabilitationsmaßnahme zu spät eingeleitet. Dies mag einerseits daran liegen, daß die diagnostischen Möglichkeiten noch nicht genug bekannt sind, andererseits aber auch an der Fehlinterpretation von Meßergebnissen.
Baschek meint, daß die Hörgeräteversorgung bei Kindern flächendeckend ungelöst sei, und beklagt, daß Hörgeräteakustiker keine große Erfahrung mit der Hörgeräteversorgung bei Kindern haben. In der Tat ist die Hörgeräteversorgung bei Kindern noch deutlich verbesserungswürdig. Hierfür die Hörgeräteakustiker oder die Hörgeräteakustikerinnung verantwortlich zu machen, halte ich in keiner Weise für gerechtfertigt. Richtig war zwar, daß bei der Ausbildung von Hörgeräteakustikern die Hörgeräteversorgung bei Kleinkindern und Kindern nicht sehr umfangreich berücksichtigt wird. Es wäre aber auch gar nicht sinnvoll, alle Hörgeräteakustiker aufgrund einer entsprechenden Ausbildung zu verpflichten, Hörgeräteversorgungen bei kleinen Kindern durchzuführen. Dies würde dazu führen, daß jeder einzelne Akustiker nur sehr selten Kinder mit Hörgeräten versorgen würde. Viel sinnvoller ist, wenn die Hörgeräteversorgung bei Kindern in der Hand weniger speziell geschulter Hörgeräteakustiker bleibt, die dann auch über die entsprechende Erfahrung verfügen. Die Akademie für Hörgeräteakustik bietet für bereits ausgebildete Hörgeräteakustiker spezielle Weiterbildungskurse für die Kinderversorgung an.
Baschek glaubt, daß bei der Hörgeräteversorgung von Kindern das Langzeitspektrum zu wenig berücksichtigt wird. Hierzu muß zunächst folgendes präzisiert werden: Schallereignisse (Sprache, Umweltgeräusche und andere) kann man analysieren und dann den durchschnittlichen Energiegehalt in einzelnen Frequenzbereichen messen. Solche Spektralanalysen kann man für individuelle Sprecher (früher auch voice print genannt), für Sprechergruppen oder für andere Schallereignisse (zum Beispiel Verkehrslärm) erstellen. Man hat früher angenommen, daß eine Hörgeräteeinstellung insbesondere bei Kindern dann optimal sei, wenn (jeweils bezogen auf den Hörverlust) nur die Frequenzbereiche der Sprache (Nutzschall) verstärkt werden, aber nicht die des Störschalls. Da sich aber diese Frequenzbereiche überlappen und Hörgeräte nicht "erkennen" können, ob es sich um Sprachsignale handelt, die verstärkt werden sollen, oder um Störschall, der unterdrückt werden soll, ist eine solche selektive Verstärkung des Nutzschalls derzeit nicht möglich. Heute ist es aber möglich, bestimmte Charakteristika von typischen Sprachsignalen anders zu verstärken als typische Charakteristika von typischen Störschallereignissen. Dies ist, insbesondere in der Hörgeräteindustrie, allerdings seit langem bekannt und bildete ja die Grundlage für die modernen Verstärkertechnologien.
Generelle und seit langem wohl bekannte Grundlage der individuellen Hörgeräteanpassung ist also, ein Hörgerät oder eine frequenzbezogene Verstärkung zu finden, die einerseits den individuellen Hörverlust des Betroffenen ermittelt, andererseits die typischen Charakteristika sowohl von Hintergrundstörgeräuschen wie von typischen Sprachschallsignalen zu berücksichtigen. Dies betrifft allerdings im wesentlichen nur die sogenannte Vorauswahl beziehungsweise Grobanpassung. In die endgültige Anpassung der frequenzbezogenen Verstärkungsleistung (sogenannte Feinanpassung) muß dann auch einbezogen werden, ab welcher Verstärkung ein Kind das Hörgerät als unangenehm empfindet. Hierfür kann man auch schon bei Kindern sogenannte Hörfelder, die nicht nur die Schwelle, sondern auch den Bereich des angenehmen Hörens beziehungsweise die Unbehaglichkeitsschwelle zeigen, ermitteln. Letzlich aber darf die Feinanpassung nicht nur auf Daten beruhen, sondern muß dann insbesondere die Angaben des Kindes, der Eltern und/oder der Bezugspersonen berücksichtigen. Ein striktes Beharren auf Meßdaten und Ignorieren dieser Angaben wäre völlig falsch und ist in diesem Sinne sicherlich auch nicht von Herrn Blaschek gemeint gewesen. Zusätzlich muß nochmals betont werden, daß neben einer erfolgreichen Versorgung mit einem Hörgerät nicht die Ausstattung mit anderen Hilfsmitteln (zum Beispiel drahtlose Übertragungsanlage) vergessen werden darf.


Prof. Dr. med. Martin Ptok
Klinik und Poliklinik für
Phoniatrie und Pädandiologie
Medizinische Hochschule Hannover
30623 Hannover

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