ArchivRecherchePsychoanalyse: Beitrag für Kultur- und Gesellschaftsanalyse

BÜCHER

Psychoanalyse: Beitrag für Kultur- und Gesellschaftsanalyse

Mackenthun, Gerald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Autoren, alle Psychologen, unternehmen in diesem schmalen, aber gehaltvollen Band einen erneuten Versuch, psychoanalytische Kategorien, die ursprünglich im Umgang mit Einzelpatienten entwickelt wurden, auf gesellschaftliche Zusammenhänge zu übertragen. Bei den Texten handelt es sich um die Antrittsvorlesungen von Kirchhoff, Kühn, Langer und Lanwerd an der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) Berlin.

Für die Beschreibung gesellschaftlicher Zustände und Strukturen ist nicht primär die Psychoanalyse zuständig. Als Beispiel nennt die IPU-Gründerin Christa Rohde-Dachser in ihrem Vorwort zu diesem Buch die Depression. Aus soziologischer Sicht sei diese „Volkskrankheit Nummer 1“ eine Reaktion auf den „unerbittlichen Zwang zur Selbstoptimierung“. Aus tiefenpsychologischer Sicht entstehen Depressionen aus ungelösten innerpsychischen Konflikten.

Anzeige

Die Lösungen für Fortschritte jeglicher Art liegen somit einerseits in der Veränderung oder Verbesserung gesellschaftlicher Strukturen und anderseits in einem individuellen psychologischen Em-powerment. In beiden Disziplinen spielen die Überlegungen der jeweils anderen Seite in der Regel keine Rolle. Allerdings gab und gibt es immer wieder Versuche, beide Perspektiven miteinander zu verbinden, angefangen bei Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur“ (1930) und Erich Fromms „Analytischer Sozialpsychologie“ (1928–1938). Auch der hier vorliegende Band reiht sich in diese Bemühungen ein.

Kirchhoff fragt, warum heutige gesellschaftliche Zeitdiagnosen meist Verfallsdiagnosen sind. Sind sie Ausdruck des „Unbehagens an der Kultur“? Kühn sieht gute Chancen, Fromm für eine kritische Sozialpsychologie zu reaktivieren, um aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu verstehen. Er formuliert einige Grundannahmen einer humanistischen Psychologie. Langer betont die Notwendigkeit einer friedenspsychologischen Perspektive, welche stärker als bisher die Eigenschaften Verwundbarkeit, Mitleiden und Solidarität als „Sujets des Friedens“ untersuchen möchte. Lanwerd repräsentiert die Religionspsychologie in diesem Sammelband, beschäftigt sich aber mit einigen wirkmächtigen, zu Ikonen gewordenen Bildern der alten und neuen Kulturgeschichte.

Der Sozialpsychologe Schumann unterzieht die Kritische Theorie der Frankfurter Schule seinerseits einer kritischen Betrachtung. Die Denker der Kritischen Theorie negierten die Möglichkeit einer eigenständigen Entwicklung des Individuums im Kapitalismus. Schumann fordert, man solle nicht über „den Menschen“ im Kapitalismus schreiben, sondern ihn selbst zu Wort kommen lassen. Es könnte sein, dass sich die behauptete Entfremdung in der sozialen Wirklichkeit nicht oder kaum finden lasse.

Die Vorträge bieten vielerlei Anregungen, um erneut über den möglichen Beitrag der Psychoanalyse zur Kultur- und Gesellschaftsanalyse nachzudenken. Gerald Mackenthun

Christine Kirchhoff, Thomas Kühn, Phil C. Langer, Susanne Lanwerd, Frank Schumann: Psychoanalytisch denken. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 160 Seiten, kartoniert, 22,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Stellenangebote

    Alle Leserbriefe zum Thema