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Alfred Adler: Biografie im Kontext seiner Zeit

Mackenthun, Gerald

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Am 7. Februar 2020 jährte sich der Geburtstag von Alfred Adler, einem der Gründerväter der dynamischen Tiefenpsychologie, zum 150. Mal. Der Münchner Autor und Journalist Alexander Kluy nahm das Datum zum Anlass, eine Biografie des zeitweiligen Mitarbeiters von Sigmund Freud und späteren Schöpfers der Individualpsychologie zu schreiben. 1911 setzte sich Adler scharf vom Übervater der Psychoanalyse ab. Er wollte eine lebensnahe Psychologie schaffen. Die Beschränkung der Menschen sah er in egozentrischen Neurosen. Das Heilmittel dagegen ist „Gemeinschaftsgefühl“. Dieses gelte es zu entwickeln durch Beitragsleistung zum großen Ganzen der Gesellschaft. Zwischen den Weltkriegen war Adler wegen seiner optimistischen Lehre einer der bekanntesten Psycho-logen in Europa und den USA. 1937 starb er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes unerwartet auf einer Vortragsreise in Schottland.

Kluy zeichnet Adlers Leben und der seiner Familie nach und bettet die Entwicklung seiner Individualpsychologie in die Zeitgeschichte ein. Der Wiener Adler war geprägt vom Austromarxismus, von einer intensiven Auseinandersetzung mit der damals noch jungen Psychoanalyse, vom Ersten Weltkrieg, der ihn zum Pazifisten werden ließ, und von einer äußerst günstigen Aufnahme seiner humanistischen Lehre in den USA. Dorthin reiste er ab 1923 jedes Jahr für mehrere Monate zu ausgedehnten Vortragsreisen und Falldemonstrationen. Adler, der über enorme persönliche Anziehungskraft verfügte, zog andere brillante Intellektuelle an, die seine Ideen in mehreren Ländern zu verbreiten halfen. Die Individualpsychologie strahlte nicht nur auf die Pädagogik aus, sondern auch auf die Forensik und die Jugendgerichtsbarkeit. Während Freud vor allem Mediziner beziehungsweise Psychiater anzog, hatte Adler guten Kontakt zur Avantgarde der Künstler und Schriftsteller.

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Erzählt wird zum ersten Mal die ganze Geschichte der Individualpsychologie von den Anfängen bis zur Neugründung der Alfred-Adler-Gesellschaft 1962 in Deutschland, womit eine Renaissance der Adler’schen Theorie eingeleitet wurde. Die Adlerianer näherten sich seitdem sowohl dem Pragmatismus einer Verhaltenstherapie (vor allem Rudolf Dreikurs in den USA) als auch wieder der einst vehement bekämpften Psychoanalyse an. Die Individualpsychologie arbeitete in ihr Konzept neuere Entwicklungen wie die analytische Objektbeziehungstheorie, die Säuglingsforschung und die Bindungstheorie ein.

Wesentlich Neues bietet Kluy nicht; einige bislang unbekannte Details aus dem Adler’schen Familienleben erfuhr er aus den bislang kaum ausgewerteten Adler-Archivboxen der Library of Congress in Washington. Auch diesem Autor fällt auf, dass in Adlers Theorie ein Konfliktmodell fehlt. Was, wenn es unterschiedliche Vorstellungen über Inhalte von „Gemeinschaftsgefühl“ gibt? Die zeitgenössische Kritik ging mit dem Begriff scharf ins Gericht. Er sei weder psychologisch noch philosophisch – nur ein Zwitter. Kluy intendiert nicht, die Adler’ schen Theoreme zu problematisieren. Wie bei der Psychoanalyse kann man fragen, ob die Individualpsychologie überhaupt eine Wissenschaft ist. Oder war sie nicht doch eher eine Weltanschauung mit Alfred Adler als ihrem rastlos reisenden Verkünder?

Das Buch ist keine Problemgeschichte der Individualpsychologie. Mit Kritik ist der Autor sparsam. Es geht ihm darum, Adler und die Individualpsychologie in den Kontext ihrer Zeit einzuordnen. Das ist dem Autor rundum gelungen. Gerald Mackenthun

Alexander Kluy: Alfred Adler. Die Vermessung der menschlichen Psyche – Biographie. Deutsche Verlag-Anstalt, München 2019, 432 Seiten, gebunden, 28,00 Euro

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