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Donald Winnicott (1896–1971): Wegbereiter der Kinderpsychotherapie

Goddemeier, Christof

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Vor 50 Jahren starb der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott. Er sorgte für eine Erweiterung und Vertiefung der Psychoanalyse.

„Das machte mir nichts aus, denn ich bin nie fähig gewesen, irgendjemandem nachzufolgen, nicht einmal Freud“ – Donald Winnicott hier im Jahr 1963. Foto: Science Photo Library/Barbara Young
„Das machte mir nichts aus, denn ich bin nie fähig gewesen, irgendjemandem nachzufolgen, nicht einmal Freud“ – Donald Winnicott hier im Jahr 1963. Foto: Science Photo Library/Barbara Young

Donald Winnicotts Arbeit ist eng mit dem Werk Melanie Kleins verbunden. James Strachey, Winnicotts erster Analytiker, machte ihn auf Klein aufmerksam. Anfangs rezipierte er sie begeistert, doch Klein zählte ihn nicht zu den Kleinianern. „Das machte mir nichts aus, denn ich bin nie fähig gewesen, irgendjemandem nachzufolgen, nicht einmal Freud“, schrieb er im Jahr 1965. Der Satz kennzeichnet Winnicott und seine Arbeit treffend. Er nahm Gedanken Kleins auf und entwickelte sie weiter, doch vor allem dachte er originell, schöpferisch und spontan (J. Stork). Dabei zählt er mit Klein, Heinz Hartmann und Erik H. Erikson zu den Vertretern der Psychoanalyse, die deren Begrifflichkeiten und Zielsetzung erweitert und vertieft haben. Ähnlich wie Eriksons „Identitätskrise“ sind Begriffe wie „wahres“ und „falsches Selbst“ und „the good enough mother (die hinreichend gute Mutter)“ beinahe in den allgemeinen Wortschatz übergegangen.

Vielfalt von Gedanken

Zentral in seinem Werk ist die frühe emotionale Entwicklung des Kindes. Um dieses Thema gruppieren sich seine Überlegungen über wahres und falsches Selbst, Übergangsobjekt, das Stadium der Besorgnis, antisoziale Tendenz und Psychose. Ähnlich wie Erikson hinterlässt Winnicott kein geschlossenes Gedankengebäude. Das liegt zum einen an der fehlenden Systematik, zum anderen an der Vielfalt seiner Gedanken und an häufig nicht exakt definierten Begriffen. „Ich nehme dies hier und jenes dort auf, widme mich der klinischen Erfahrung, bilde meine eigenen Theorien und dann, zuallerletzt, schaue ich interessiert nach, um herauszubekommen, wo ich was gestohlen habe“, schrieb er 1945. Mangelnde Systematik bildet die Vielfalt des Lebens indes besser ab und schützt davor, Psychoanalyse als exakte Wissenschaft verstehen zu wollen. Zeitlebens nahm Winnicott das Intuitive und Gefühlsmäßige der Psychoanalyse in den Blick. Ohne dieses subjektive Element ist ihm zufolge eine Erkenntnis psychischer Zusammenhänge unmöglich. Dabei sind Wachstum und Entwicklung für ihn grundlegend.

Noch größeren Einfluss als Klein hat auf Winnicotts Werk seine Überzeugung, dass das Leben lebenswert sei (M. Davis, D. Wallbridge). Dabei war er sich bewusst, dass „das Leben schwierig ist, von Natur aus schwierig für jedes menschliche Wesen, für jeden von uns von Anfang des Lebens an.“ (1946) 1896 wird Winnicott im englischen Plymouth geboren. Sein Vater ist ein wohlhabender Kaufmann und viele Jahre Bürgermeister der Stadt, die Mutter wird als depressiv beschrieben. Winnicott lebt mit seinen Eltern und zwei älteren Schwestern in einer liebevollen Atmosphäre, die Familie gehört einer methodistischen Religionsgemeinschaft an. Bei religiösen Fragen verweist der Vater auf die Bibel; so bleibt den Kindern nichts anderes übrig, als einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Zeitlebens beschäftigt Winnicott sich immer wieder mit Religion. Dabei lehnt er jede Art von Dogmatismus und Fanatismus ab. Auch anderen allzu starren Gedankengebäuden gegenüber ist er skeptisch. 1954 schreibt er an Klein und Anna Freud: „Wenn wir gegenwärtig versuchen, starre Strukturen zu installieren, schaffen wir dadurch Bilderstürmer oder Klaustrophobe (möglicherweise bin ich einer davon), welche die Unrichtigkeit eines starren Systems in der Psychologie genauso wenig aushalten, wie sie es in der Religion tolerieren können.“

Tätigkeit als Kinderarzt

Winnicott studiert in Cambridge und London Medizin und liest Freuds „Traumdeutung“. Thomas Horder, Arzt am Londoner St. Bartholomewʼs Hospital, weckt sein Interesse an der Psychotherapie. Winnicott heiratet Alice Taylor und arbeitet als Kinderarzt im Padding-tonʼs Green Childrenʼs Hospital. In 40 Jahren behandelt er dort rund 60 000 Kinder. 1926 zieht Melanie Klein nach England, 1938 Anna Freud. In den 1940er-Jahren spitzt die Diskussion zwischen den beiden und ihren Anhängern sich zu. Während Klein die „Psychoanalyse des Kindes“ (1932) beschreibt, behauptet Freud, Kinderanalyse sei nicht möglich. Beide berufen sich dabei auf Texte Sigmund Freuds. Im Lauf der Zeit macht Anna Freud mehr Erfahrungen mit der Kinderanalyse. Kleins „depressive Position“ übernimmt sie zwar nicht, doch sie scheint sich der Kleinʼschen Theorie anzunähern.

Auseinandersetzung mit Klein

Winnicott setzt sich fast drei Jahrzehnte mit Klein auseinander. Das liegt zum einen daran, dass sie in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt, zum anderen absolviert er seine zweite Analyse bei Joan Riviere, einer Kleinianerin. Das Freudʼsche Triebmodell, demzufolge alle psychischen Phänomene sich letztlich auf zwei Triebe zurückführen lassen, lehnt Winnicott ab. Wie Klein sieht er in der Aggression ein wesentliches Element psychischer Entwicklung. Beide sind Vertreter der Objektbeziehungstheorie. Doch Klein versucht, die frühesten kindlichen Entwicklungsprozesse unabhängig von der äußeren Umwelt zu erforschen – die realen Objekte stehen bei ihr eher im Hintergrund. Dem gegenüber versteht Winnicott menschliches Verhalten im Allgemeinen und Aggression als Teil von realer Beziehung. Damit ist sie nie reiner Trieb, sondern Resultat eines inneren Verarbeitungsprozesses. Winnicott zufolge prägt Aggression menschliche Beziehungen wesentlich: „Liebe und Hass sind die beiden wichtigsten Elemente, aus denen sich die menschlichen Beziehungen zusammensetzen. Beides, sowohl Liebe wie auch Hass, enthalten Aggression.“ (1939) Dabei stellt er Liebe und Aggression nicht als gut und böse einander gegenüber, sondern fasst Aggression als Teil der primitiven Liebe, die noch nicht nach den Bedingungen ihrer Befriedigung fragen kann. Laut Winnicott wohnt selbst der frühen Gier des Säuglings bereits eine gewisse Hemmung inne, die das begehrte Objekt, die Mutter, davor bewahrt, zerstört zu werden. Aus einer Akzeptanz der eigenen zerstörerischen Fantasien resultiere der Wunsch schon des kleinen Kindes, den Schaden wiedergutzumachen. So wird Aggression, die nicht zu früh in konstruktive Bahnen gelenkt wird, zur Quelle von „Kreativität, Produktivität und Sozialität“ (Busch).

Winnicott beschreibt drei Stufen der Ich-Entwicklung. Dabei entspricht die „Zwischenstufe“ der „depressiven Position“ Melanie Kleins. Hier, nach etwa einem halben Jahr, gelangt der Säugling zur Erkenntnis, dass die Brust der Mutter und die Mutter, die für Geborgenheit und Kontinuität sorgt, dieselbe Person sind. Winnicott nennt diesen Entwicklungsschritt „Stadium der Besorgnis“. Fortan kann das Kind nicht mehr einfach seinen Impulsen folgen, sondern es trägt Sorge für den Erhalt des Objekts. Ihm zufolge sind Säuglinge vor allem auf der Suche nach Objekten und nicht auf der Suche nach Spannungsreduktion.

Winnicotts Satz „There is no such thing as a baby“ meint, dass ein Baby nicht für sich allein existieren kann, sondern immer „Teil einer Beziehung“ ist. Besonders in den ersten Lebensmonaten, in denen die Abhängigkeit am größten ist, ist es angewiesen auf die umfassende Fürsorge der Mutter. „Primäre Mütterlichkeit“ beschreibt einen vorübergehenden Zustand, in dem die Mutter ihre eigenen Bedürfnisse weitgehend zurückstellt und sich mit den Bedürfnissen des Säuglings identifiziert. Damit schafft sie für diesen eine schützende Umwelt („holding environment“): „In diesem Zustand ist die Mutter sowohl das Baby als auch sie selbst (...).“ Dabei sind „hinreichend gute Mütter“ durchschnittliche Menschen und nicht perfekt. Gesundheit resultiert aus einer hinreichend guten Umwelt zu Anfang des Lebens.

Wahres und falsches Selbst entstehen im Zusammenhang mit den ersten Objektbeziehungen: „Die spontane Geste ist das wahre Selbst in Aktion. Nur das wahre Selbst kann kreativ sein, und nur das wahre Selbst kann sich real fühlen.“ Ist die Umwelt nicht hinreichend gut genug, entwickelt sich das falsche Selbst als eine Form der Anpassung mit dem Ziel, das wahre Selbst zu verbergen und zu beschützen. Laut Winnicott führt das falsche Selbst „zu einem Gefühl des Unwirklichen oder einem Gefühl der Nichtigkeit.“ (1965)

Während der „Übergangsraum“ ein theoretisches Konzept darstellt, sieht Winnicott im Übergangsobjekt ein konkretes Objekt – den ersten nicht zum Selbst gehörenden Besitz („not-me-possession“). Im vierten bis zwölften Monat beschäftigt sich das Kind mit diesen Objekten. Das kann der Zipfel einer Decke oder ein Kuscheltier sein – zugleich Symbol und Ersatz für die zeitweise abwesende Mutter. Im Lauf der Zeit und in der Auseinandersetzung mit der Welt der Objekte entsteht die Identität des Kindes.

Nach der Scheidung von Alice heiratet Winnicott 1951 die Sozialarbeiterin Clare Britton, mit der er viele Jahre zusammenarbeitet. Drei Jahre leitet er die Britische Psychoanalytische Gesellschaft. In der Kontroverse zwischen Anna Freud und Melanie Klein gehört er mit Michael Balint und anderen zur Gruppe der Unabhängigen („Middle Group“). Bis kurz vor seinem Tod hält er Seminare für Kollegen und Studenten. Nach mehreren Herzinfarkten stirbt Winnicott 1971 in London. Christof Goddemeier

1.
Busch E: Einführung in das Werk von D. W. Winnicott. Frankfurt a. M.: Verlag Peter Lang 1992.
2.
Davis M, Wallbridge D: Eine Einführung in das Werk von D. W. Winnicott. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta, 2. Aufl. 1995.
3.
Kruska L: Donald W. Winnicott – Good enough is good enough! www.researchgate.net.
4.
Winnicott D: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Einführung von Jochen Stork. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag 1983.
1. Busch E: Einführung in das Werk von D. W. Winnicott. Frankfurt a. M.: Verlag Peter Lang 1992.
2. Davis M, Wallbridge D: Eine Einführung in das Werk von D. W. Winnicott. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta, 2. Aufl. 1995.
3. Kruska L: Donald W. Winnicott – Good enough is good enough! www.researchgate.net.
4. Winnicott D: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Einführung von Jochen Stork. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag 1983.

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