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Philosophie: Psychische Krankheit abseits diagnostisch relevanter Symptome

Goddemeier, Christof

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Der Philosoph Thomas Metzinger sieht das Selbst als ein vom Gehirn erzeugtes Modell, „eine Art vorübergehende Simulation“. Auch die kognitiven Neurowissenschaften verstehen das Selbst als besondere Form von „Repräsentation“, als „Selbstkonstrukt“. Demgegenüber geht philosophische und psychiatrische Phänomenologie von der subjektiven Erfahrung aus und fragt, ob und wie diese Erfahrung an ein Selbst gebunden ist. Dabei postuliert sie, dass jedem Erleben eine „elementare Meinhaftigkeit“, ein „ursprüngliches Mit-sich-Vertrautsein, ein unmittelbares, leibliches Selbstgewahrsein“ zugrunde liegt. Selbstsein ist dann gerade kein Konstrukt, sondern grundlegende Realität. Bewusstsein gibt es demnach nicht ohne basales Selbstbewusstsein im Sinn dieses „leiblichen Hintergrundempfindens“.

Warum sollten Psychiater und Psychotherapeuten sich mit Selbstkonzepten auseinandersetzen? Aus phänomenologischer Sicht bildet Selbsterleben den „primären Austragungsort psychischer Krankheit“. Zudem basieren alle therapeutischen Verfahren wesentlich auf dem Selbstverhältnis der Patienten, also auf ihrer Fähigkeit, zu sich selbst Distanz einzunehmen – Voraussetzung für Selbsterkenntnis, Veränderungsbereitschaft und -umsetzung (Fuchs).

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Das Buch versammelt dazu neun Beiträge. Mit Bezug auf phänomenologische, entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Konzepte lassen sich Dimensionen des Selbst(erlebens) identifizieren: basales, präreflexives Selbst, erweitertes personales Selbst sowie Selbst und Intersubjektivität. Diesen Dimensionen korrespondieren unterschiedliche Störungen. So besteht etwa die Grundstörung der Schizophrenie in einem Mangel an affektiver Selbst-Tönung des Erlebens, sodass allen Erfahrungen Lebendigkeit und Selbstzugehörigkeit fehlen. Entfremdung der sensomotorischen Leibfunktionen und des zwischenleiblichen Kontakts mit anderen resultieren – bereits 1971 sprach W. Blankenburg vom „Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit“.

Weitere Texte beschäftigen sich etwa mit mangelnder Krankheitseinsicht bei der Schizophrenie und dem menschlichen Willen als einem Selbstverhältnis. Wenn das Selbst, mit Edmund Husserl gesprochen, eine „absolute Individuation“ darstellt – kann es sich dennoch verlieren? Einer „konstitutiven“, gleichsam normalen „Selbstverlorenheit“ – wir können unmöglich nicht sein, was wir nun einmal sind – steht eine „pathologische Selbstverlorenheit“ gegenüber, etwa wenn ein Kellner annimmt, er sei ein verkappter Kaiser (Tengelyi). Ein lesenswerter Band für alle, die psychische Krankheit nicht nur als Ansammlung diagnostisch relevanter Symptome verstehen wollen. Christof Goddemeier

Thomas Fuchs, Thiemo Breyer (Hrsg.): Selbst und Selbststörungen. Verlag Karl Alber, Freiburg 2020, 252 Seiten, gebunden, 32,00 Euro

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