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Verhaltensanalyse: Ein therapietheoretischer Meilenstein

Broda, Michael

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Man könnte mit der Frage beginnen, was über das Herzstück der Verhaltenstherapie, nämlich die Verhaltensanalyse, überhaupt noch Neues vermittelt werden kann. Offensichtlich sehr viel. Die Autorin legt die umfangreichste Betrachtung einer Therapiekonzeptualisierung vor, die nach Kenntnis des Autoren auf dem deutschen Büchermarkt angeboten wird. Beginnend mit der klassischen horizontalen Analyse, der Plan- und Schemaanalyse, wird schnell deutlich, dass moderne Verhaltenstherapie genetische und pränatale Faktoren, pathologische kindliche Biografieelemente und deren Bewältigungsversuche, Herausbilden von Persönlichkeitsstilen und in der Aktualgenese vorgenommene Identifikation von frühen Auslösefaktoren mit in die umfassende Konzeptualisierung eines Störungsmodells übernimmt. Hier wird deutlich abgewichen von den schematischen eindimensionalen Betrachtungen psychischer Prozesse zugunsten einem breit (und tief) angelegten Zugang.

Gänzlich innovativ wird dann das Grundgerüst einer „ätiopathogenetischen Tabelle“ vorgestellt, die biografische Themenbereiche (Bezugspersonen, Interaktionsbesonderheiten, Selbstwertbedingungen oder Gewalt, Missbrauch oder emotionale Entbehrung) weiterverfolgt im Hinblick auf die psychischen Auswirkungen, den Versuch, damit umzugehen, den weiteren Folgen für Bewältigungsstile und deren Einfluss auf die Aktualgenese. Die ausführlichen Fallbeispiele werden tabellarisch nach dem Schema betrachtet und die heute sichtbare Symptomebene als Ergebnis eines Anpassungs-/Bewältigungsversuchs konzipiert. Dabei werden kurz- und langfristige Konsequenzen aufgeschlüsselt und anhand vieler praktischer Vignetten Hilfestellung für eine umfassende und substanzielle Betrachtung psychischer Symptome im Hinblick auf Genese, Verletzung emotionaler Grundbedürfnisse sowie der daraus entwickelten Sinnhaftigkeit in der aktuellen Bewältigung gegeben. Gerade auf dem Hintergrund der Erfahrung jahrelanger Begutachtungen von Fallberichten stellt dieses Buch einen therapietheoretischen Meilenstein dar, da es der Autorin gelingt, nicht nur verhaltenstheoretische Aspekte differenziert verständlich zu machen, sondern ebenso psychoanalytische, tiefenpsychologische und schematherapeutische Orientierungen so sensibel zu integrieren, dass der Streit der Grundorientierungen an diesem Beispiel einer differenzierten Sicht auf psychische Prozesse eigentlich nicht nachvollziehbar und unserem heutigen Wissensstand nicht angemessen erscheint. Unsere Patientinnen und Patienten haben eine solche Herangehensweise verdient. Michael Broda

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Esther Bockwyt: Die Verhaltensanalyse. Schritt für Schritt zum individuellen Störungsmodell. Mit Leitfaden und ätiopathogenetischer Tabelle. Schattauer Verlag, Stuttgart 2020, 209 Seiten, kartoniert, 35,00 Euro

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