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Viktor Tausk (1879–1919): „Berserker mit einem zärtlichen Herz“

Goddemeier, Christof

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Der österreichische Jurist, Arzt und Psychoanalytiker war ein früher und begabter Schüler von Sigmund Freud, zu dem er ein ambivalentes Verhältnis hatte. Mit nur 40 Jahren nimmt er sich das Leben.

Victor Tausk im Alter von etwa 21 Jahren in Wien
Victor Tausk im Alter von etwa 21 Jahren in Wien

Lou Andreas-Salomé notierte in ihrem Tagebuch des Jahres 1912/13 über Viktor Tausk: „(...) wie herrlich wäre in ihm dies Beieinandersein von (…) Zartheit und Innigkeit des Verstehens und der vielen, so oft naiv-urgesund wirkenden Kraft; wie durchaus ungewöhnlich schön wäre es. (…) Und von allem Anfang empfand ich doch an Tausk grade all diesen Kampf als das, was mich an ihm tief berührte: den Kampf der menschlichen Kreatur. Brudertier, Du.“ In diesem Jahr waren Tausk und die 18 Jahre ältere Andreas-Salomé ein Liebespaar, eine sexuelle Beziehung hat Andreas-Salomé jedoch verneint. Sechs Jahre später suizidierte Tausk sich – ein tragisches Ereignis innerhalb der frühen Psychoanalyse, das erst 1973 durch den Historiker Paul Roazen aufgearbeitet wurde. Wer war dieser frühe und begabte Schüler Sigmund Freuds? Könnte sein ambivalentes Verhältnis zu Freud seinen Suizid mitverursacht haben?

Konflikte in der Ehe

1879 wird Viktor Tausk in Zilina im ungarischen Teil Österreichs als erstes von zehn Kindern geboren. Die Eltern sind Juden, der Vater arbeitet zunächst als Lehrer, nach dem Umzug nach Agram (Zagreb) wendet er sich dem Journalismus zu. Später zieht die Familie nach Sarajewo. Bosnien-Herzegowina gehört damals formell noch zur Türkei und wird 1908 von Österreich-Ungarn annektiert. Tausk besucht mehrere Schulen, studiert nach dem Abitur Rechtswissenschaften und arbeitet eine Zeit lang als Richter und Anwalt in Sarajewo und Mostar. 1900 heiratet er die zwei Jahre jüngere Martha Frisch. Ihr Vater führt in Wien erst ein Papiergeschäft und dann eine Buchdruckerei. 1902 werden der Sohn Marius und ein Jahr später Victor Hugo geboren. Tausk ist in seinem Beruf unglücklich, und seine Frau hat Heimweh nach Wien. Konflikte prägen das eheliche Miteinander. 1904 schreibt Tausk an seine Schwester Zora: „Mir geht es gräßlich blöde. Essen, schlafen, arbeiten. Kein Buch, keine Concentration, keine Musik (…) keine Mädchen, keine Frauen, keine Liebe, keine Begeisterung, kein Schmerz. Alles blöd und leer. (...)“ 1905 trennen Tausk und seine Frau sich und ziehen nach Wien zurück. In seinem Beruf findet Tausk keine Arbeit. In einem Brief an Martha berichtet der 26-Jährige, ein Freund habe seine Unruhe und seinen Ehrgeiz kritisiert: „Ich habe kein Recht, so zu handeln wie ich handle, ich habe keine Wege zu suchen, sondern für meine Kinder zu sorgen. (…) Man soll mich doch nur versuchen lassen. Ich habe doch in meinem Leben noch nichts versucht, bin ja sofort in die Schablone hineingedrückt worden. (…) Ich kenne ja alle Einwände. Aber versuchen.“ Ein Jahr später geht er nach Berlin, um dort als freier Künstler und Journalist Fuß zu fassen. Seine finanzielle Situation ist prekär. Wann immer es möglich ist, schickt er Geld, und Martha arbeitet als Buchhalterin in der Firma ihres Vaters.

Freud unterstützt finanziell

Tausk analysiert die Grenzen seiner Liebesfähigkeit: „Ich liebe nur freie Menschen, solche, die von mir unabhängig sind. Denn die von mir Abhängigen machen mich abhängig. Dafür räche ich mich und werde schuldig zu denen, die mir Gutes tun.“ Am Tag nach seinem 27. Geburtstag schreibt er: „(...) mein Herz ist so müde, dass ich am liebsten gar nicht mehr auf der Welt wäre.“ Ein Jahr später ist er so erschöpft, dass er drei Wochen in einem Sanatorium verbringt: „Das Leben hat mich nicht geformt, es hat mich zerquetscht. Ich bin eine häßliche kraftlose Masse. Todmüde, lebensüberdrüssig.“ Doch er erholt sich wieder, nimmt Kontakt mit Freud auf und kehrt nach Wien zurück. Freud ermutigt ihn, sich mit der Psychoanalyse zu befassen. 1908 beginnt Tausk in Wien ein Medizinstudium mit dem Ziel, Psychoanalytiker zu werden. Im gleichen Jahr lassen Martha und er sich scheiden. Freud unterstützt Tausk finanziell, auch die übrigen Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung sind von seinem Talent überzeugt. Sein erster Vortrag beschäftigt sich mit „Erkenntnistheorie und Psychoanalyse“. Irrtümlich führt er hier Plato als Nachfolger des Aristoteles an. Tatsächlich war Aristoteles der bedeutendste Schüler und Gegenspieler Platos. Freud korrigiert coram publico – ein erster Hinweis auf Konkurrenz und Rivalität zwischen den beiden.

1912 kommt Lou Andreas-Salomé nach Wien, um Freuds Vorlesungen zu hören. Tausk und sie fühlen sich zueinander hingezogen und verbringen viel Zeit miteinander. Auch Freud schätzt die fünf Jahre jüngere Andreas-Salomé. Durch sie kommt er mit der Philosophie Friedrich Nietzsches und dem Werk Rainer Maria Rilkes und Paul Rées in Berührung. Andreas-Salomé ist mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas verheiratet, doch sie geht Beziehungen mit anderen Männern ein. Roazen zufolge macht auch Freud ihr eine Zeit lang den Hof, schickt Blumen und begleitet sie um halb drei Uhr morgens nach Hause. Freud selbst berichtet Jahre später, er habe sie bewundert, „merkwürdigerweise ohne Spur sexueller Anziehung“. Auch Rivalität spielt in ihrem Verhältnis keine Rolle. In ihrem Tagebuch „In der Schule bei Freud“ beschreibt Andreas-Salomé das schwierige Verhältnis zwischen Freud und Tausk: „Mir scheint von allen Tausk am unbedingtesten an Freud zu hängen als auch am unbedingtesten sich unter den übrigen herauszuheben. Vielleicht ist das zu einem beiderseitigen persönlichen Konflikt geeignet.“ Ellen Delp, eine Freundin Andreas-Salomés, sieht Tausk als „Genie vom Format Freuds, das sich unter dessen eifersüchtiger Provokation stetig entfaltete“. Zunehmend zeigen sich Unterschiede zwischen den beiden:

Philosophisches Fundament

Während Freud einem zentralen Interesse alles andere unterordnet und der Meinung ist, dass Forschung auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sein müsse, versucht der universalistisch eingestellte Tausk, der Psychoanalyse ein philosophisches Fundament zu geben (etwa „Psychoanalyse der Philosophie und psychoanalytische Philosophie“, 1914). Zu früh, findet Freud. Tausks Originalität irritiert ihn, auch wenn er die Begrenztheit und Einseitigkeit seiner eigenen Perspektive zugesteht. Tausks Unabhängigkeit empfindet er als Störung. Dabei ist diese Unabhängigkeit zum Teil nur eine vermeintliche, und das führt zum zweiten Problem: Tausk verfügt offenbar über die Fähigkeit, Freuds Formulierungen vorweg zu nehmen, und das zwingt Freud Andreas-Salomé zufolge zu „verfrühten Auseinandersetzungen“. Demnach ist Freud besorgt, dass Tausk ihm seine Ideen stehlen könnte, bevor er selbst sie ausreichend bedacht hat. Doch Andreas-Salomés Einschätzung trifft nur teilweise zu. Denn zu dieser Zeit hat Tausk bereits originelle psychoanalytische Einsichten zum Verständnis der Psychosen. Seine Arbeit „Über die Entstehung des ‚Beeinflussungsapparates‘ in der Schizophrenie“ begründet wesentlich seinen wissenschaftlichen Ruf, sie erscheint jedoch erst im Jahr seines Todes. Freud steht diesen Erkrankungen bekanntlich distanziert gegenüber.

1914 beendet Tausk sein Medizinstudium. Seinen Plan, sich in eigener Praxis niederzulassen und eine Existenz aufzubauen, vereitelt der Erste Weltkrieg. Tausk wird als Arzt in Lublin und Belgrad eingesetzt. Als er aus dem Krieg zurückkehrt, ist er psychisch beeinträchtigt und braucht Hilfe. Laut Freud zeigt „der seit Jahren körperlich Leidende Zeichen besonderer Gereiztheit“. Tausk bittet Freud, ihn in analytische Behandlung zu nehmen. Freud lehnt ab und schlägt ihm vor, sich bei Helene Deutsch einer Analyse zu unterziehen. Diese ist indes seit 1918 bei Freud in Analyse. Die analytische „ménage à trois“ ist zum Scheitern verurteilt. Roazen zufolge spricht Tausk in seiner Analyse nur über Freud, und Deutsch spricht in ihrer Analyse bei Freud immer mehr von Tausk. Ende März 1919 erklärt Freud Deutsch, sie gefährde ihre eigene Analyse, und stellt sie vor die Alternative, entweder Tausks Behandlung oder ihre eigene Analyse zu beenden. Deutsch entschließt sich, Tausks Behandlung abzubrechen. Kurz zuvor hat Tausk Freud gebeten, seinen ältesten Sohn Marius zu analysieren, doch Freud kommt auch dieser Bitte nicht nach.

Verlust des Lebenssinns

Seit dem Frühjahr ist Tausk mit der Pianistin Hilde Loewi verlobt, die beiden planen zu heiraten. Am 2. Juli, einem Mittwoch, entschuldigt er sich bei Freud für sein Fernbleiben von der wöchentlichen Sitzung der Psychoanalytischen Vereinigung. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages ist er zum Suizid entschlossen. In einem Abschiedsbrief an Freud bittet er diesen, seiner Braut Hilde Loewi beizustehen, und dankt ihm für alles Gute, das Freud ihm gegeben habe. In seinem Testament wird er deutlicher und beklagt den vollkommenen Verlust seines Lebenssinns. In seinem Gedenkwort notiert Freud: „Zu den glücklicherweise nicht zahlreichen Opfern, die der Krieg in den Reihen der Psychoanalytiker gefordert hat, muss man auch den ungewöhnlich begabten Wiener Nervenarzt rechnen, der (…) freiwillig aus dem Leben geschieden ist. (…) In der Geschichte der Psychoanalyse und ihrer ersten Kämpfe ist ihm ein ehrenvolles Andenken sicher.“ An Andreas-Salomé schreibt er indes: „(...) Ich gestehe, dass er mir nicht eigentlich fehlt; ich hielt ihn seit Langem für unbrauchbar. (…) Seine bedeutende Begabung habe ich nie verkannt; es war ihr aber versagt, sich in entsprechend wertvolle Leistungen umzusetzen.“ Christof Goddemeier

1.
Csef H: Der Suizid des Arztes und Psychoanalytikers Viktor Tausk. In: Suizidprophylaxe Nr. 179, Jg. 46 Heft 4, S. 131–35. Regensburg: S. Roderer Verlag 2019.
2.
Roazen P: Brudertier. Sigmund Freud und Victor Tausk: Die Geschichte eines tragischen Konflikts. Hamburg: Verlag Hoffmann und Campe 1973.
3.
Tausk V: Gesammelte psychoanalytische und literarische Schriften (Hg. Metzger HJ). Wien: Medusa Verlag 1983.
1. Csef H: Der Suizid des Arztes und Psychoanalytikers Viktor Tausk. In: Suizidprophylaxe Nr. 179, Jg. 46 Heft 4, S. 131–35. Regensburg: S. Roderer Verlag 2019.
2. Roazen P: Brudertier. Sigmund Freud und Victor Tausk: Die Geschichte eines tragischen Konflikts. Hamburg: Verlag Hoffmann und Campe 1973.
3. Tausk V: Gesammelte psychoanalytische und literarische Schriften (Hg. Metzger HJ). Wien: Medusa Verlag 1983.

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