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Kinder und Jugendliche: Zum souveränen Umgang mit dem Tod

Schepker, Renate

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Ein schmales, kompaktes Buch in Zeiten häufiger Todesfälle, führt es den Leser zunächst zu einer notwendigen eigenen menschlichen Positionierung gegenüber der Vergänglichkeit, zu Aggression als Abwehr von Todesangst nach Vernachlässigung und Misshandlung, die (aus)gehalten werden muss. Man erfährt neues über den Tod in Mythen („Psyche“ als die unsterbliche Seele bei Homer) und in Märchen wie „todesmutigen“ Heldenepen, wobei moderne Serien-Figuren in die Therapie einbezogen gehören, und deutlich wird, dass Idealisierungen der Todesverleugnung dienen können. Die Spannung zwischen gestiegenem Erleben von Sterben in Medien und Tabuisierung des Todes im Lebens- und Therapiealltag wird spürbar. Vereinfachungen des „Todestriebs“ wird eine Absage erteilt und dieser mit Winnicott zugunsten von lebensbejahender Kreativität und konstruktiver Aggression aufgehoben. Auch Todes- und Lebensängste der Therapeuten bekommen Raum, sodass ein Containment der existenziellen Ängste von Kindern und eine Beschäftigung mit der Realität des Todes durch eine modifizierte Selbstanalyse möglich werden kann – im vom Autor so benannten „existenziellen Handlungsdialog“. Die Beschäftigung mit der Nähe von Geburt und Tod im Erleben von Kindern leitet zu präverbalen Beruhigungsstrategien oder haltgebenden Ritualen.

Die zweite Hälfte des Buches beschäftigt sich gewinnbringend mit entwicklungsbezogenen kindlichen Todeskonzepten, wobei das „Namenlose“ betont wird und die Symbolisierungsfähigkeit bedeutsam wenngleich endlich ist. Die kindertypische Art des Trauerns und die therapeutische Aufarbeitung realer Trennungen durch Tod geraten leider etwas kurz. Dabei wird auch der nahende eigene kindliche Tod nicht ausgespart, bevor schwere Depression und adoleszente Suizidalität berührt werden. Interkulturelle Annäherungen, von denen man gern noch etwas mehr lesen würde, runden das Buch ab. Die wiederkehrende Haltung, Tod auch präverbal erlebbar zu machen und nicht vorschnell zu deuten, ist dabei wohltuend.

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Hervorzuheben ist die gute Lesbarkeit des Buches durch Fallvignetten, kurze, da gut verstandene, theoretische Exkurse und Literaturverweise. Nach der Lektüre dürfte jedem Psychotherapeut oder Arzt ein souveräneres Umgehen mit dem – realen und fantasierten – Tod im therapeutischen und außertherapeutischen Umgang mit Kindern und Jugendlichen möglich sein, da sich der Leser durch viele Tabus, konkrete situative Herausforderungen und psychodynamisch-kreative Umgangsweisen durchgearbeitet hat. Renate Schepker

Damianos Korosidis: Psychodynamik des Todes bei Kindern und Jugendlichen, Reihe: Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2020, 208 Seiten, kartoniert, 36,00 Euro

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