Seit 10 Jahren fördert die Bundesregierung gezielt die interdisziplinäre Vernetzung in der Zoonosenforschung. Auf dieser Basis wird das Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt im Sinne des „One-Health“-Konzepts erfolgreich adressiert.

Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die wechselseitig zwischen Mensch und Tier übertragen und durch Viren, Bakterien, Parasiten oder Prionen ausgelöst werden können. 60–70 % aller beim Menschen neu auftretenden Infektionskrankheiten stammen ursprünglich von Tieren: Es sind über 200 Krankheiten bekannt, die zu den Zoonosen gezählt werden (1). Dazu gehören die ältesten bekannten Infektionskrankheiten wie Tollwut, Pest, Tuberkulose und Influenza sowie zahlreiche mit Lebensmitteln assoziierte Infektionen, aber auch neu auftretende Erkrankungen („emerging diseases“) wie Ebola, SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome), MERS (Middle East Respiratory Syndrome) oder BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) und verschiedene antibiotikamultiresistente Erreger.
Abweichend von der WHO-Definition von 1958 werden heute auch Krankheiten zu den Zoonosen gezählt, die von belebten Vektoren (Stechmücken, Zecken etc.) übertragen werden. Ihre Bedeutung steigt zunehmend, da sich durch das global veränderte Reiseverhalten, durch Gütertransporte und Veränderungen der Lebensmittelproduktion Erreger und ihre tierischen Überträger schneller ausbreiten können.
Erreger-Wirts-Interaktion
Zudem schafft der Klimawandel Voraussetzungen für die Ausbreitung nicht einheimischer Vektoren, die vormals „exotische“ Erreger mitbringen und auf eine Bevölkerung übertragen können, die gegen diese keinen Immunschutz aufweist. So werden beispielsweise zunehmend Stechmückenarten in Mitteleuropa nachgewiesen, die bislang nur im mediterranen und subtropischen Raum beheimatet waren und die zum Beispiel als Überträger für zoonotische Flaviviren (u. a. Rifttalfieber-, West-Nil-Fieber-Viren) fungieren können.
Zoonosen stellen für die Wissenschaft eine große Herausforderung dar, da neben dem Erreger selbst auch bei Mensch und Tier die Pathogenese, die Epidemiologie und die Erreger-Wirts-Interaktion untersucht und auch die Bedingungen für den Spezieswechsel verstanden werden müssen. Dies impliziert ein besseres Verständnis der Biologie der Wirts-/Vektorspezies selbst und der beeinflussenden ökologischen Bedingungen.
Die Erforschung von Zoonosen in den Kooperationen von Human-, Tier- und Umweltmedizin – über Fach- und Organisationsgrenzen hinweg – ist daher essenziell für ihre Prävention, Diagnostik und Therapie. Dabei müssen Mensch, Tier und Ökosysteme in einem ganzheitlichen Ansatz zur Erhaltung der Gesundheit adressiert werden – ganz im Sinne des sogenannten One-Health-Gedankens (2, 3).
Grundlage für eine strukturierte Förderung der Zoonosenforschung war die ressortübergreifende gemeinsame Vereinbarung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) und des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV; heute BMEL), die 2006 die vernetzte Forschung an zoonotischen Infektionskrankheiten in den Fokus rückte.
Begonnen mit dem Forschungssofortprogramm Influenza als Reaktion auf den damaligen Ausbruch der hochpathogenen aviären Influenza (Geflügelpest) vom Subtyp H5N1, die 1997 als Zoonose erkannt wurde, wurden in den letzten 10 Jahren insgesamt 11 Zoonosenforschungsverbünde zu Themen wie Influenza, Antibiotikaresistenzen oder lebensmittelassoziierte Zoonosen mit insgesamt 60 Millionen Euro gefördert (4).
„Zoonosenplattform“
2009 begann zudem die Förderung der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen („Zoonosenplattform“), die bis heute als Dachorganisation für die vernetzte Zoonosenforschung in Deutschland fungiert und durch eine dezentrale Geschäftsstelle mit Standorten in Münster (Stephan Ludwig), Insel Riems (Martin Groschup) und Berlin (Sebastian C. Semler) koordiniert wird. Mittlerweile vereint die Plattform mehr als 800 Mitglieder verschiedenster Fachdisziplinen und wird als eines der 5 national wichtigsten One-Health-Netzwerke in Europa angesehen (5).
Dank dieser vielfältigen Aktivitäten wurden bestehende Distanzen zwischen Veterinär- und Humanmedizin sowie zwischen universitärer Forschung und Ressortforschung überwunden. Zudem zeigte sich eine sehr erfreuliche Integration und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Es bildete sich eine „Forschungscommunity“ mit eigenem Selbstverständnis, die es möglich macht, Verbreitungswege und Übertragungsmechanismen von Erregern genauer zu entschlüsseln und Bekämpfungsstrategien und Vorbeugemaßnahmen zum Wohle der Bevölkerung zu entwickeln beziehungsweise zu verbessern.
Als Erfolgsbeispiele zählen die:
durch Genomsequenzanalyse gestützte Aufklärung der EHEC-Epidemie im Jahr 2011,
Entwicklung eines innovativen Grippemedikaments, das sich gerade in der klinischen Testphase befindet (6) sowie
Erarbeitung von Präventionsmaßnahmen für die Übertragung von Methicillin-resistenten Staphylococcus-aureus-Bakterien (MRSA).
Seit 2014 sind zunehmend auch das öffentliche Gesundheits- und Veterinärwesen eingebunden. Auf gemeinsamen Veranstaltungen, organisiert von der Zoonosenplattform und der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen Düsseldorf, werden konkrete Herausforderungen diskutiert und die Umsetzung neuester Forschungsergebnisse in praktisches Handeln gefördert (z. B. durch die zuständigen Gesundheits- und Veterinärämter).
Der gemeinsame Austausch und die Erkenntnis, dass nur unter Einbeziehung aller Beteiligten – klinisch tätige Ärzte und Tierärzte, Hygieniker, Landwirte, Epidemiologen, Umweltmediziner und andere – passende Lösungen erarbeitet werden können, sind elementar, um komplexe Herausforderungen meistern zu können.
Im Sinne des One-Health-Gedankens zusammenzuarbeiten, ist angesichts der zunehmenden Mobilität von Menschen, Tieren und Lebensmitteln, der sich stetig ändernden Rahmenbedingungen durch technische Entwicklung, Globalisierung und Klimawandel heute wichtiger denn je. Hierfür bietet das Nationale Symposium für Zoonosenforschung, das seit 2009 jährlich in Berlin von der Zoonosenplattform organisiert wird, ein Forum mit internationaler Beteiligung (7).
Aufgrund ungebrochener Relevanz wurde im Jahr 2016 die Forschungsvereinbarung zu Zoonosen erneuert (8) und um das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) als beteiligtem Partner erweitert. Konkretisiert wurden die in der Forschungsvereinbarung genannten Maßnahmen durch eine Förderbekanntmachung des BMBF (9) mit einem Finanzvolumen von 40 Millionen Euro für zunächst weitere 5 Jahre zur Unterstützung von Zoonosenforschungsprojekten in Deutschland. In diesem Rahmen werden derzeit 7 Forschungsverbünde und 6 Nachwuchsgruppen in einem neuen Forschungsnetz (Koordinator: Christian Drosten, Berlin) unter dem Dach der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen gefördert.
Vorbildliche Struktur
In diesem Kontext ist auch die German One Health Initiative (GOHI) – eine Initiative, die unter anderem eine gemeinsame Graduiertenausbildung der initial 4 beteiligten Bundesinstitute (BfR, FLI, PEI und RKI) beinhaltet – ein weiterer wichtiger Meilenstein.
Auch international wird die Zoonosenplattform als vorbildliche Vernetzungsstruktur wahrgenommen, die unter dem Motto „One Health, One Challenge, One Community” zunehmend auch international kooperiert. Ein weiterer Ausbau dieser internationalen Aktivitäten ist erklärtes Ziel der Zoonosenplattform und wird dazu beitragen, auch zukünftig Zoonosen erfolgreich zu bekämpfen.
Dieser Artikel unterliegt nicht dem Peer-Review-Verfahren.
Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4317
oder über QR-Code.