Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Arztfreie Station

Donnerstag, 21. Februar 2019

Anfang 2019 hat ein ländliches Krankenhaus in Minnesota sein Arbeitsmodell umgestellt. Als ich vor fünf Jahren, also 2014, zum ersten Mal dort arbeitete (beziehungsweise regelmäßig aushalf), war ich als Allgemeininternist tagsüber für die internistische Station zuständig und half bei chirurgischen Patienten als Konsiliararzt, also bei nichtchirurgischen medizinischen Fragen mit meinem Wissen und Können, mit. Hausärzte nahmen zum Teil noch ihre eigenen Patienten auf, und dadurch wurden nicht alle Patienten der medizinischen Station von mir betreut. Nachts waren abwechselnd Hausärzte oder ich für die nächtlichen Anrufe und Aufnahmen in der Notaufnahme zuständig.

Das Modell wurde dem Krankenhaus zu teuer und ineffizient, wie mir gesagt wurde. Man stellte eine Internistin im Jahr 2016 ein und drängte die Hausärzte aus dem Belegarztmodell hinaus. Von nun an waren nur noch wir Internisten für die stationären Patienten zuständig, nachts wechselten sich Hausärzte mit uns Internisten ab. Übrigens gab es neben der festangestellten Internistin noch vier weitere Kollegen, und wir alle halfen je nach Verfügbarkeit immer wieder aus.

Einige Hausärzte gingen aus Protest, und diese wurden in ihren Praxen nicht durch Ärzte, sondern durch ärztlich tätige Krankenschwestern und Arztassistenten ersetzt, „nurse practitioners“ und „physician assistants“. Das sind jene immer häufiger werdende Fachkräfte, die ein drei- oder vierjähriges Studium durchlaufen haben und arztähnlich arbeiten dürfen, in manchen Fällen von einem Arzt überwacht werden (was eher eine Formalität ist), in anderen unabhängig von einem Arzt arbeiten.

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Ende 2018 kam die nächste Umstellung und man schaffte den Nachtarzt vollständig ab. Zumindest den Nachtarzt in Form eines direkt vor Ort diensthabenden Arztes – mittlerweile betreut eine Telemedizinfirma den Nachtdienst. Ärzte, die knapp 1.500 Kilometer entfernt an der amerikanischen Ostküste sitzen, nehmen Patienten nachts via Videogerät und Mikrofon auf, sind also Telehospitalisten. Das spart dem Krankenhaus Geld, wie mir die Krankenhausdirektorin vorgerechnet hat.

Ende 2019 tritt nun die nächste Phase ein, und man wird uns stationär arbeitende Internisten durch ärztlich tätige Krankenschwestern ersetzen. Eine ist schon eingestellt, die Stellenausschreibung sieht noch zwei weitere vor. Mittelfristig soll somit jenes Modell, welches ich noch kennenlernte und das auf vor Ort und auf der Station arbeitenden Ärzten basierte, durch Telehospitalisten und ärztlich tätige Krankenschwestern im Jahr 2020 umgestellt und die internistische Station somit eine arztfreie Zone sein. Ist das das Modell der Zukunft für amerikanische Krankenhäuser?

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