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Pflegers Schach med.

Pflegers Schach med.

Das ehrwürdige Schachspiel übt auf viele Ärztinnen und Ärzte eine starke Faszination aus. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger weiß davon zu berichten – humorvoll, kenntnisreich und mitunter im Wortsinne rätselhaft.

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Pflegers Schach med.

Vom Ärzteschach zum Golem

Mittwoch, 6. März 2019

Seit 2002 besuchen sich der Starnberger und der Naumburger Schachklub alljährlich gegenseitig, um ein geselliges Wochenende miteinander zu verbringen und bei einem Vergleichskampf und Blitzturnier natürlich auch die Kunst der Schachgöttin Caissa nicht zu kurz kommen zu lassen.

Wie kam es dazu? Nun, die damaligen Vorsitzenden dieser beiden Schachklubs, Dr. med. Ulrich Fincke aus Starnberg und Dr. med. Jens-Frieder Mükke aus Naumburg, lernten sich  beim Deutschen Ärzteschachturnier in Bad Homburg (das nächste findet übrigens vom 15. bis 17. März wiederum in Bad Homburg statt, wo uns der Oberbürgermeister Alexander Hetjes am Eröffnungsabend immer so launig am und zum Buffet einlädt) kennen – und schon war’s geschehen!

Der Schachklub Starnberg trifft sich immer im dortigen Krankenhaus, nicht unbedingt ein Ort, der einem als erstes als Spiellokal einfiele. Doch warum eigentlich nicht – im Zweifelsfall ist sogar ärztliche Hilfe schnell zur Hand, obwohl Unfälle beim Schach naturgemäß doch seltener als in anderen Sportarten vorkommen (ja, Schach ist anerkanntermaßen auch Sport).

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Zuweilen werde auch ich zu diesen Begegnungen dazu gebeten, um etwas aus der Welt des Schachs zu erzählen. Zuletzt ließ ich dabei das Leben des Schachmeisters Ignaz Kolisch aus dem 19. Jahrhundert Revue passieren, der vor allem mit den bescheidenen Einkünften als Kaffeehausspieler sich durchs Leben schlug, aber dann selbst wohlhabend wurde, nachdem er den schachbegeisterten Baron Rothschild kennen lernte und diesem bei seinen Geschäften zur Hand ging. Schließlich war er selbst mit Bankgeschäften höchst erfolgreich, bekam den Titel eines Barons und wurde wie Rothschild seinerseits ein Mäzen von Schachturnieren.

So stellen wir uns die ideale Vita eines armen Schachspielers vor – obendrein passend zu Starnberg, das ebenso wie Bad Homburg weiß Gott nicht zu den ärmeren Städten in Deutschland zählt.

Nicht zufällig – vielleicht ist es aber auch eine Conditio sine qua non – gesellen sich hierzu noch landschaftliche Reize. Als ich jedenfalls auf dem Weg vom Bahnhof, der direkt am Starnberger See liegt und insofern schon Bewunderungs- und Neidgefühle erwecken kann (vielleicht doch nicht zu sehr, schließlich schreibt Jens-Frieder Mükke anlässlich eines Treffens, dass der Bahnhof nicht saniert wird, weil das Geld fehlt – zahlen manche der ortsansässigen Millionäre etwa zu wenig Steuern?!), zum auf der Höhe oberhalb des Sees gelegenen Krankenhaus emporging, kam ich zuerst am Waldfriedhof und dann am Beerdigungsinstitut vorbei und wusste: Es kann nicht mehr weit sein.

Ich hoffe, meine Zuhörer erfuhren einiges Neue, ich jedenfalls fuhr „schlauer“ nach München zurück, nachdem ich bei der Gelegenheit durch den jetzigen Vorsitzenden Fritz Absmeier erfahren hatte, dass der Schriftsteller Gustav Meyrink (1868–1932) viele Jahre ein herausragendes Mitglied des Schachklubs Starnberg war und die Vereinsmeisterschaft dreimal gewann.

In der Chronik liest man: „Unser allseits hochgeehrter Meister, Herr Schriftsteller Gustav Meyrink, ist nach langem Leiden still und bescheiden, wie er gelebt, verschieden. Schon beim zehnjährigen Gründungsfest des Klubs spielte er als kranker Mann am Spitzenbrett der ersten Mannschaft.

Als Spieler stand Herr Meyrink im Klub auf einsamer Höhe, als Schriftsteller ist er besonders durch seine Werke ‚Der Golem’ und Das grüne Gesicht berühmt geworden. Der Klub hat durch die Unterweisungen am Demonstrationsbrett von Herrn Meyrink viel gelernt. Er sollte seinem Lehrmeister stets ein ehrendes Andenken bewahren.“

Die Kehrseite der Medaille des 1920 gegründeten Starnberger Schachklubs wird freilich im Münchner Merkur 1996 geschildert: „Erster Klubmeister war kein Geringerer als der Schriftsteller Gustav Meyrink (Der Golem). Meyrink sollte die Turniere im Schachklub beherrschen, bis ihn die Nationalsozialisten aus dem Klub ekelten. So hieß es in einem Vereinsprotokoll 1931, dass der Schriftführer Franz Buchner als neues Reichstagsmitglied wegen zunehmender politischer Verpflichtungen nicht mehr so viel Zeit zur Anfertigung seiner schönen Turnierurkunden habe. Der gleiche Franz Buchner sollte sich als NSDAP-Mitglied schon bald auf übelste Weise über die jüdische Dominanz im Schachklub mokieren.“

So erging es dem Juden Gustav Meyrink wohl ähnlich wie dem Ahnherren aller schachspielenden Ärzte, dem Juden Dr. med. Siegbert Tarrasch, dessen letzte Jahre bis zu seinem Tod 1934 in München trotz seiner ausgesprochen deutschnationalen Gesinnung auch vom Ungeist dieser Zeit überschattet waren.

Leider hat sich keine Partie von Meyrink, der im damals berühmten Münchner Künstlercafé Stefanie auch oft gegen Erich Mühsam und Roda-Roda Schach spielte und als unschlagbar galt, erhalten.

Deshalb hier eine schöne Kombination von Rudolf Charousek – einem der Protagonisten in „Der Golem“ –, den Lasker neben Tarrasch für seinen gefährlichsten Rivalen hielt, als er 1896 in Nürnberg von ihm mit einem Königsläufergambit besiegt wurde.

Doch Charousek starb schon 1900 in Budapest an Lungenschwindsucht, der „Krankheit der Hungerleider“.

Im Roman „Der Golem“ wandelt Charousek sogar unter seinem eigenen Namen durch die verschlungenen Pfade der Erzählung. „Neben mir“, heißt es da, „stand der Student (Anmerkung: übrigens der Medizin) Charousek, den Kragen seines dünnen, fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen, und ich hörte, wie ihm vor Kälte die Zähne aufeinanderschlugen. Leben und Schach sind für ihn kaum zu trennen, das eine ein Abbild des anderen. Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. Diesmal wird es ein Königsläufergambit sein ... Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit einlässt, der hängt in der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fäden – an Fäden, die ich zupfe – hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit dessen freiem Willen ist’s dahin.“

Die Ohnmacht im zutiefst unsicheren Leben wird in eine fantastische Allmacht im Schach verwandelt, diesem festumgrenzten Mikrokosmos mit klaren Regeln, in dem er sich mit traumwandlerischer Sicherheit zu bewegen weiß.

„Alles, alles in der Welt ist wie ein Schachzug, Meister Pernath!“

Und jetzt finden Sie bitte diesen einen Schachzug, mit dem Charousek 1896 in Budapest als Schwarzer gegen D. Hermann mattsetzte oder zumindest die weiße Dame eroberte.

(wKh1, Dd1, Tc1, Tg5, Ld2, Se4, Ba2, b2, c2, d3, f2, f3;

sKg8, Dh4, Ta8, Tf8, Lf1, Lh2, Ba7, b7, c7, d4, g7, h7)

Lösung zeigen

Das herrliche Verstellungsopfer 1...Le2! eroberte zwangsläufig mindestens die angegriffene Dame. Weiß gab bereits auf, weil er nach 2.Dxe2 Lg3+ 3.Kg2 Dh2+ 4.Kf1 Dh1 gar matt gewesen wäre – die eigene Dame hätte dann dem weißen König das (vorherige) Fluchtfeld e2 verstellt.

Leserkommentare

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Avatar #526862
Pulcher
am Freitag, 8. März 2019, 08:00

Verstellungsopfer

Wunderschön, das waren noch Zeiten der Schach-Romantik !
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