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Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Die Ungleichheit nimmt zu: Arme sterben (viel) früher

Freitag, 24. Mai 2019

Wer kennt nicht folgende Aussagen: „Die Armen werden ärmer und die Reichen immer reicher“, „Die Schere zwischen arm und reich klafft immer mehr auseinander“, „Jeff Bezos hat mehr Geld als das Bruttoinlandsprodukt vieler Länder dieser Erde“ oder „Die 26 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die halbe Welt“? Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem fällt auf, wie die Ungleichverteilung seit Jahren zunimmt, ob nun in Europa oder den USA.

Woran erkennt man das? Wer wissenschaftlich vorgeht, der blickt auf den Gini-Koeffizienten in seinem historischen Verlauf. Wer hingegen eher emotional und auf das Individuum fokussiert argumentiert, der verweist auf den steten Anstieg der Obdachlosen und Kinderarmut beispielsweise in Deutschland oder auf die zunehmende Verschuldung der Amerikaner trotz stark wachsender Wirtschaft.

Als Arzt verweise ich vor allem auf eine Verschlechterung der Gesundheit zwischen Armen und Reichen, wofür sich als einfachster Indikator die durchschnittliche Lebenserwartung eignet. Wussten Sie, dass die Kluft zwischen Armen und Reichen sich immer mehr vergrößert?

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Gerade in jenen Kreisen (englich: county), in denen besonders viele arme Menschen wohnen, leben die Menschen am kürzesten. Im Oglala Lakota County im Bundesstaat Süddakota werden die Menschen statistisch nur 66,8 Jahre alt, gefolgt vom Union County in Florida (67,6 Jahre) und Todd County in Süddakota (68,5 Jahre). Die durchschnittliche Lebens­erwartung in den USA liegt übrigens bei 78,6 Jahren.

Ich möchte für die wissenschaftlich Interessierten an die Originalstudie, die dieses Phänomen untersucht hat, verweisen: JAMA Intern Med. 2017. 177 (7): 1003-1011. Selbst bei Wikipedia wurde das mittlerweile beschrieben, und hier findet sich eine Auflistung jener Kreise, in denen die Menschen am kürzesten leben und besonders häufig arm sind. Denn beides korreliert miteinander.

Vergleicht man nun diese Lebenserwartung mit jenen Kreisen, in denen eher Wohlhabende und Reiche wohnen, dann stellt man fest, dass die Menschen dort um bis zu 20 Jahre länger leben: In Summit County werden die Menschen 86,8, in Pitkin County 86,5 und in Eagle County fast 86 Jahre alt. Alle drei Kreise liegen übrigens im Bundesstaat Colorado. Auch hier hat Wikipedia eine Liste anzubieten.

Mit anderen Worten leben reiche Menschen nicht nur bequemer und besser, sondern auch länger. Diese Ungleichverteilung hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, und Wissenschaftler gehen von einer weiteren Zunahme dieser Kluft aus. Ist das die Welt, die wir Ärzte uns wünschen? Müssten wir nicht über dieses Problem in der Öffentlichkeit reden? Und: Wie groß ist das Problem in deutschsprachigen Ländern?

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Avatar #661708
Haiko
am Sonntag, 26. Mai 2019, 09:46

Lebenserwartung auch abhängig von Ausbildungsgrad und Gesundheitssystem

War schon bei der Allianz vor 100 Jahren bekannt und stand in der Bild-Zeitung in den 70er Jahren.
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