Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Misstrauen im Krankenhaus

Donnerstag, 20. Juni 2019

Es ist meine erste Woche in einem Krankenhaus in Bismarck, ich bin also ganz neu und helfe als Stationsinternist aus. Auch die Stadt Bismarck ist für mich neu, eine nach unserem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck benannte Stadt in den Weiten des Mittleren Westens. Sie mag zwar die Landeshauptstadt des Bundesstaates Norddakota sein und wird aufgrund des Ölbooms gelegentlich in amerikanischen Medien genannt, ist aber trotzdem weitestgehend unbekannt.

Sie sagt mir auf den ersten Blick zu. Liegt das daran, dass sie wie aus einem Roman des amerikanischen Nobelpreisträgers Sinclair Lewis herausgenommen wirkt? Sie ist weitflächig gebaut, hat wenig Hochhäuser, im westlichen Teil durchquert sie der Missouri-Fluss und, typisch für den Mittleren Westen, es weht stets ein starker Wind. Es wohnen knapp 150.000 Einwohner in ihrem Einzugsgebiet und es ist überraschend viel los, auch nachts, was wohl an den vielen nahegelegenen Ölfeldern liegt, denn sie haben Geld und Menschen ins sehr ländliche Norddakota gebracht.

Ich wurde also angefragt, ob ich nicht zwei Wochen lang in einem Krankenhaus aushelfen könnte. Natürlich sagte ich zu, nicht nur weil ich verfügbar war, sondern weil ich auch seit Jahren neugierig auf diese Stadt bin.

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Die ersten Tage sind ungewohnt, ich kenne niemanden und auch nicht die Struktur des Krankenhauses. Ich eile von Zimmer zu Zimmer, die mir zugewiesenen Patienten visitierend. Immer wieder werde ich auf den Fluren von Krankenhauspersonal angehalten und angesprochen. Dabei sehe ich mit meinem Bart und Aussehen wie ein Amerikaner aus dem Mittleren Westen aus, und mein Arztkittel, Bildausweis, das Stethoskop und die von mir getragene Ultraschalltasche lassen keinen Zweifel zu, als was ich im Krankenhaus arbeite. Dennoch werde ich überall angehalten und gefragt, wer ich denn sei, ob ich Hilfe bräuchte und wo ich denn hin wolle, ob nun von Putzkräften, dem Pflegepersonal oder Sicherheits­leuten. Die Fragen sind höflich an mich gerichtet, lassen aber keinen Zweifel zu, dass sie beantwortet werden müssen.

Der deutschsprachige Leser soll jetzt bitte nicht denken, dass es sich um ein Krankenhaus voller höflicher Menschen handelt. Nein, diese Reaktion kenne ich von anderen Krankenhäusern. Sie ist Teil einer Sicherheitsmaßnahme, wie sie uns im Krankenhaus in regelmäßigen Abständen eingebleut wird und ist letztlich Ausdruck eines Misstrauens gegenüber fremden Menschen. Es wird nämlich eingebleut, unbekannte Personen anzusprechen und Hilfe anzubieten beziehungsweise sie direkt nach ihrer Rolle zu befragen, denn hinter jedem Fremden könnte sich – auch als Arzt oder Krankenschwester verkleidet – eine mögliche Gefahrenquelle verbergen, ein potenzieller Entführer oder eine sonstwie gefährliche Person. Anhand ihres Verhaltens und Antwort kann man dann erkennen, zu welcher der beiden Gruppen die unbekannte Person gehört.

So nehme ich all diese Anfragen mit einem Lächeln und mit Geduld entgegen, auch wenn es meine ersten Arbeitstage verdichten. Ich bleibe kurz stehen, stelle mich dann als neuer Arzt und meine Rolle vor und tausche wenige Höflichkeiten mit der mich befragenden Person aus. Das gehört eben dazu, wenn man in den USA arbeitet, man lernt mit als Höflichkeit kaschiertes Misstrauen mit als Höflichkeit kaschierte Ungeduld und Frustration zu beantworten.

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