DÄ plusBlogsGesundheitWenn bewährte Behandlungen in randomisierten Studien scheitern
Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit! Das Internet ist voll von medizinischen Ratschlägen. Viele sind gut gemeint. Manche sind skurril. Nicht alle halten, was sie versprechen. Hinter manchen vermeintlich harmlosen Tipps verbergen sich materielle Interessen. Unser Autor rme recherchiert, was evidenzbasiert ist und was nicht.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Gesundheit

Wenn bewährte Behandlungen in randomisierten Studien scheitern

Donnerstag, 11. Juli 2019

Viele medizinische Standards beruhen auf Plausibilitätsüberlegungen. Eine verengte Koronararterie gefährdet die Durchblutung des Herzmuskels, also müssen alle Patienten mit stabiler Angina einen Stent erhalten. Frauen erkranken vor den Wechseljahren seltener an einem Herzinfarkt als Männer, deswegen wird ein Hormonersatz nach der Menopause sie gesund erhalten. Wenn ein teures Krebsmedikament die Metastasen zurückdrängt, wird es auch das Leben des Patienten verlängern.

Das erscheint logisch. Doch der Schein trügt häufig. Randomisierte Studien haben gezeigt, dass Stents Patienten mit stabiler Angina nicht grundsätzlich nutzen. Die Notwendigkeit einer Antithrombozytentherapie kann sie sogar unnötigen Risiken aussetzen. Die Women’s Health Initiative bereitete der Hormonersatztherapie ein Ende, die vorher Frauen routinemäßig empfohlen wurde. Die US-Zulassung des Krebsmedikaments Avastin beim metastasierten Mammakarzinom, die 2008 aufgrund vorläufiger Ergebnisse einer randomisierten Studie erfolgte, musste drei Jahre später zurückgenommen werden, als die Endergebnisse den Vorteil für das Gesamtüberleben nicht bestätigen konnten.

Die Liste ließe sich fortsetzten. In einer früheren Analyse hatte ein Team um Vinay Prasad von der Oregon Health & Science University im New England Journal of Medicine für den Zeitraum von 2001 bis 2010 insgesamt 146 Studien gefunden, die gängige medizinische Therapien als unwirksam, unnötig oder sogar als schädlich identifizierten. Das waren damals nicht weniger als 40 Prozent aller randomisierten Studien, die die Evidenz von medizinischen Standards überprüft hatten.

Anzeige

Jetzt haben die Forscher den Zeitraum bis ins Jahr 2017 ausgedehnt und die Fach­­zeitschriften Lancet und JAMA in die Analyse einbezogen. Es wurden nicht weniger als 396 Studien gefunden, die ein „medical reversal“ zur Folge hatten. Als unwirksam erwiesen haben sich Kompressionsstrümpfe zur Reduktion des Thromboserisikos nach Schlaganfällen, die Wiederbelebung mit einem mechanischen Reanimationsstempel, externe Hüftprotektoren, zervikale Pessare zur Prävention einer Frühgeburt, epidurale Steroide bei der Spinalstenose, die routinemäßige Reparatur von Meniskusrissen und relativ aktuell der Nutzen von Fitnessarmbändern zur Gewichtskontrolle.

Viele dieser Behandlungen dürften auch heute noch vielen Therapeuten oder Anwendern einleuchten. Entsprechend verbreitet ist das Misstrauen in die Ergebnisse randomisierter Therapiestudien. Vermeintliche „Heiler“ dürften sie zunehmend als „fake evidence“ empfinden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #759489
MITDENKER
am Dienstag, 16. Juli 2019, 15:27

Folgen der Evidenzblasiertheit

Tja, sag ich doch immer :-).
Aber wer glaubt schon Heilpraktikern oder naturheilkundlichen Ärzten (außer den aufgeklärten Patienten). Zumeist erst dann, wenn 10-20 Jahr später irgendein Professor in irgendeinem hochkarätigen med. Journal mit irgendeiner Studie das Gleiche erzählt...
LNS
Alle Blogs
Gesundheit
Gesundheit
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Frau Doktor
Frau Doktor
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah