Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vom Arztdasein in Amerika

Ärztlicher Dinosaurier

Mittwoch, 7. August 2019

Es sind Sommerferien, und ich mache mit einigen meiner Kinder Urlaub im außer­europäischen Ausland. Wie so oft begegnen mir andere Deutsche, und wir kommen wiederholt ins Gespräch. Bei einem meiner Gesprächspartner handelt es sich um einen kurz vor der Berentung stehenden Arzt – er hat mehr als 35 Jahre lang in Deutschland gearbeitet und blickt nun auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück.

Doch obwohl uns weniger als 25 Jahre trennen, so wird schnell klar wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen und Medizinlandschaft geworden sind. Seine Ratschläge sind gut gemeint, zerschellen aber an der Realität eines fulminant veränderten Gesundheitssystemes.

So ist aus einem männer- ein frauendominierter Beruf geworden mit entsprechenden Veränderungen. Es wird viel mehr auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie geachtet und ein Chefarztposten scheint weniger erstrebenswert als eine Stelle mit ausreichender Freizeit und Flexibilität. Selbst wenn ein Arzt überdurchschnittlich gut verdient, so wird ein Großteil von der stets steigenden Steuerlast und immer teureren Lebensbedingungen aufgezehrt. Auch die Selbständigkeit einer Arztpraxis ist wenig verlockend, gerade auch, weil es vielfältige Probleme, Kosten und Unsicherheiten mit sich bringt. Einige frühere Regionen haben ihre Attraktivität verloren und in immer weniger Zentren ballen sich immer mehr Menschen und auch Ärzte, mit entsprechenden Konsequenzen für den ländlichen Raum und auch einigen nord- und westdeutschen Städten.

Anzeige

Aus einer früheren Ärzteflut ist nun ein Mangel geworden und trotzdem steigen die Gehälter nur sehr begrenzt, was gerade auch mit der Öffnung für Ärzte aus dem EU-Ausland und in zunehmenden Maße für Nicht-EU-Ärzte zusammenhängt. Apropos ausländische Ärzte: Ihr Anteil steigt von Rekordwert zu Rekordwert und sie füllen die immer größer werdenden Vakanzen, wobei ihr Weggehen natürlich in ihren Ursprungsländern Versorgungslöcher reißt. Dolmetscher prägen den Alltag, wie auch der immer häufiger geäußerte Wunsch nach interkultureller Kompetenz, wobei meistens damit eher die Ärzte und nicht Patienten gemeint sind. Der Staat reglementiert noch mehr als früher und begrenzt seine Verschreibungs- und Abrechnungsmöglichkeiten.

Aus Halbgöttern in Weiß ist der Halbtrottel in Jeanshose und zerknittertem Arztkittel geworden, der abgehetzt von Patientenzimmer zu Patientenzimmer eilt. Der juristische Druck nimmt stetig zu, wie auch der von Seiten der Krankenkassen und Krankenhäuser, ganz zu schweigen vom schon erwähnten staatlichen Druck.

Und so weiter und so fort.

Mit anderen Worten: Dieser Arzt ist ein Dinosaurier und sein Rat ist nicht besonders hilfreich. Ich lausche lustlos und zum Teil sogar ennuyiert seinen Gedanken, ob nun zur ärztlichen Versorgung, meinem aus seiner Sicht einzuschlagenden Karrierepfad oder seiner Meinung zu politischen Themen. Wenn ich ehrlich bin, dann ist die Situation in Deutschland nicht ganz unähnlich zu der in den USA.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
LNS
Alle Blogs
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Gesundheit
Gesundheit
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah