Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Mein neues Arbeitsmodell?

Freitag, 29. November 2019

Aus diversen Gründen heraus pendele ich seit Anfang 2019 öfters zwischen Deutschland und den USA. Während ich in den USA arbeite, ein Fernstudium betreibe und mehrmals im Jahr Fachtagungen besuche, fliege ich vor allem nach Deutschland, um Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen, für meine Bücher zu recherchieren und Konferenzen zu besuchen. Vereinfacht gesprochen sind die USA derzeit für mich Arbeits- und Deutschland mein Freizeitland.

Doch mit dem Alter kommen Veränderungen, und seit ich durch meinen integrativme­dizinischen Facharzt genauer gerade auch auf meine eigene Gesundheit achte, wird mir erst bewusst, wie schwer ich mich mit der Flugreise und Zeitumstellung tue. Untersuchungen aus der Medizinliteratur geben diesem Körpergefühl beziehungsweise den negativen Auswirkungen von Reise und Zeitverschiebung tatsächlich Substanz, und ich muss der allgemeinen Regel beipflichten, dass jede Stunde Zeitunterschied einen Tag Anpassung benötigt, ich also bei sieben Stunden Zeitzonendifferenz eine Woche in Deutschland zur Akklimatisierung wie auch umgekehrt die gleiche Zeit in den USA benötige – wobei die Zeitverschiebung in die USA einfacher gelingt, weil ich im Regelfall früh für meine Arbeit dort aufstehe.

Mit vielen Arbeitsstellen ist solch eine Pendelei und Mitberücksichtigung der benötigen Anpassungszeit nicht möglich. So musste ich schweren Herzens mich dagegen entscheiden, eine Professorenstelle nicht weiter zu verfolgen, wie ich auch jüngst eine gut vergütete andere Stelle als Krankenhausarzt ausschlug, weil mir weder die Flexibilität noch Freizeit damit ermöglicht worden wäre.

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Natürlich ist meine Situation "Jammern auf hohem Niveau", das weiß ich Dennoch stellt sich mir die Frage, wie ich damit umgehen soll. Wieder in Deutschland arbeiten? Doch nach vorsichtigen Anfragen nach diversen Seiten bin ich weiterhin nicht mit den Arbeitsbedingungen oder der Bezahlung zufrieden. Oder soll ich Telemedizin betreiben, was mir große Flexibilität ermöglichen würde? Doch trotz erster Erfahrungen gefällt mir das Modell nicht, weil eben das wegfällt, was ich als zentral für den Arztberuf erachte: Den direkten Kontakt mit Menschen.

So erprobe ich derzeit ein anderes Modell und bin mit den ersten Eindrücken zufrieden. Nach etwa vier bis sechs Wochen Arbeit in den USA, werde ich vier bis sechs Wochen Freizeit in Deutschland haben. Mein Ziel wird sein etwas mehr als die Hälfte des Jahres in den USA zu verbringen, den Rest in Deutschland beziehungsweise Europa. Dieses Pendeln bedeutet zwar ein Ende großer Karriereschritte, doch angesichts sowieso bestehender großer Zwänge im Gesundheitsbereich, ist die Zukunft sowieso etwas ungewiss.

Meine Arbeitszeit wird dafür aber auch sehr dicht sein. So werde ich in einem vierwöchigen Zeitraum im Oktober und Anfang November 312 Arbeitsstunden arbeiten. Das entspricht also 78 Stunden pro Woche, wobei Überstunden da nicht eingerechnet sind. Geht man von einer 35-stündigen Arbeitswoche aus, dann entspräche das also etwa neun Wochen Arbeitszeit, bei Mitberücksichtigung von Urlaubs- und gelegentlichen Krankentagen mehr als zehn Wochen.

Dass ich also nach diesen vier Wochen Arbeitszeit dann sechs Wochen freihabe und in Deutschland verbringen kann, läßt sich alleine schon mathematisch rechtfertigen. Wie lange ich dieses Modell machen werde, weiß ich nicht und ob ich weitere Telemedizin­möglichkeiten einbauen werde, lasse ich ebenfalls unbeantwortet. Aber dieses Arbeiten ermöglicht mir die Anpassung an die Zeitverschiebung und, wie mein ältester Sohn zu mir sagte, „mehr Ferien“ als er hat.

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