Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vom Arztdasein in Amerika

Mein dritter Facharzt

Dienstag, 15. Oktober 2019

Es ist September 2019 und ich halte nach zweijähriger Weiterbildung, die zum Teil vor Ort in der Stadt Tucson im Südwesten der USA, zum Teil über das Internet stattfand, mein Facharztdiplom in Händen. Es ist mein dritter Facharzt und dieses Diplom symbolisiert all die vielen Stunden an Kursinhalt, gelesenen Büchern, eingereichten Patientenfällen und die Abschlussprüfung. Nun also darf ich mich „Integrativmediziner“ nennen.

Zugegebenermaßen, ich übersetze das Wort „fellowship“ mit dem deutschsprachigen Begriff des Facharztes etwas ungenau, denn die medizinischen Weiterbildungssysteme der USA sind nicht identisch mit denen Deutschlands, Österreichs, Luxemburgs oder der Schweiz. Der Begriff der „fellowship“ ist deutlich weiter gefasst und es ist hier vor allem die schnell anwachsende Zahl amerikanischer Integrativmediziner, die tagtäglich betonen wie eigenständig und umfassend dieser von mir nun erhaltene Facharzt ist. Ist das Wunschdenken oder Realität? Nun, das lässt sich abschließend nicht beantworten, denn die Integrativmedizin will den „gesamten“ Menschen „heilen“, dabei alle großen Medizinmodelle „integrierend“ – das klingt schon etwas verwegen, oder?

Doch zurück zum September 2019 und meiner bzw. unserer (da wir eine größere Gruppe an Ärzten waren) Abschlussfeier. Wir waren nämlich froh und glücklich die Arbeit beendet zu haben und unser Diplom in Händen zu halten. Die Reden waren voller Pathos, doch wer die USA kennt, der weiß, dass das schon in jungen Jahren in der Schule gelernt wird und die Übertreibung zum alltäglichen Stilmittel gehört. Ein kurzer Blick auf amerikanische Werbung oder in die Politik geben genug Beispiele.

Anzeige

Doch der Pathos, zusammen mit der Freude über das Erreichte, wirken. Viele meiner Kollegen haben Tränen in den Augen als uns das Diplom überreicht wird. Aus der einminütigen Redezeit, die jedem von uns zur Danksagung zur Verfügung steht, wird gerade aufgrund der Vielzahl an extrovertierten Ärzten unter uns schnell drei oder fünf Minuten, bei zweien muss die Chefärztin einschreiten und sie auffordern ihre Erzählungen zu Ende zu bringen. Nur wenige von uns, einschließlich mir, des Deutschen, halten sich an die Zeitvorgabe, wobei meine Danksagung vor allem analytisch-reflektierend bleibt und nur zum Schluss, um nicht ganz aus der Reihe zu tanzen, mit zwei Sätzen voll Pathos endet.

Nun bin ich also Internist, Geriater und Integrativmediziner. Die Karriereoptionen haben sich dadurch verbreitert. Einige sind schon in die reichen Regionen der USA umgezogen, ob nun West- oder Ostküste (oder Colorado) und versuchen sich ein goldenes Näschen zu verdienen. Andere, wie ich, haben den Facharzt eher aus Interesse erworben und wenden das Erlernte im Alltag an wo es sich anbietet.

Das Feld ist tatsächlich ein sehr breites und umfasst neben chinesischer Medizin, im Prinzip alle großen Medizinsysteme der Welt, damit auch die Homöopathie, Ayurveda, Schamanen- und Energiemedizin, neben natürlich vielen eher modernen Aspekten der Integrativmedizin wie das Verschreiben diverser Nahrungsergänzungsmittel, ästhetische und regenerative Medizin, die vor allem dem Erhalt der Schönheit und Leistungsfähigkeit dienen soll, von manchen meiner Kollegen aber auch zum Vorteil ihres Geldbeutels genutzt wird. Es gibt also einen breiten Rahmen in dem man sich bewegen kann.

Doch an jenem Septembertag im Jahr 2019 sind all diese Karrieregedanken nebensächlich. Denn es wird gefeiert, gelacht, geweint und selbst ein Umarmungsphobiker wie ich umarmt alle paar Minuten einen seiner Kollegen. Denn es vereint uns das gemeinsame Gefühl „wir haben es geschafft! Wir sind jetzt Teil dieser Medizingemeinde!“ Ganz zum Schluss gibt man uns noch eine Broschüre, in welcher wir eingeladen werden unsere Daten einzutragen, um offiziell im inneren Netzwerk der Graduierten zu bleiben. Jahresgebühr: 495 US-Dollar. Fast ausnahmslos unterschreiben ihn meine Kollegen und nun sind wir wirklich Teil des Netzwerkes. Ja, richtig, Graduierung à la américaine!

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
Alle Blogs
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Gesundheit
Gesundheit
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah