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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Ausgenutzt – ein dysfunktionales Krankenhaus

Montag, 9. Dezember 2019

Ich helfe immer wieder in den verschiedensten Krankenhäusern im Mittleren Westen aus. So verschlug es mich erneut nach Norddakota, einem vor allem wegen des Ölboomes ökonomisch stark wachsenden Bundesstaates, wobei er weiterhin mit Ausnahme der wenigen schnell wachsenden Städte Bismarck, Fargo, Grand Forks und Minot noch sehr dünn besiedelt ist.

Im neu gebauten Krankenhaus merkte man diesen Bevölkerungszuzug, denn nicht nur gab es ortsfremde Amerikaner aus Seattle, Chicago oder New York (was befremdlich war, angesichts des sonst eher als hinterwäldlerisch verschrieenen Norddakota), sondern es schien wie aus allen Nähten zu platzen. Die knapp 45 Notaufnahmebetten waren durchweg belegt und die anderen rund 500 Krankenhausbetten waren auch fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Entsprechend dünn war die Personaldecke und die Ärzte wirkten allesamt erschöpft.

Das lag aber auch daran, dass viele von ihnen freiwillig Doppelschichten annahmen anstatt die freien Arztplätze zu besetzen. Sie gierten oftmals einfach dem Geld hinterher. So arbeiteten viele von ihnen nicht nur die Früh- sondern häufig auch die Spätschicht, nutzten freie Tage um Extradienste zu machen und arbeiteten zum Teil wochenlang am Stück.

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Klar, dass viele deshalb lustlos und demotiviert wirkten. Ich hatte hierbei dann das Nachsehen, denn obwohl auch ich vorherige (und spätere) Schichten in Minnesota gearbeitet hatte, so sahen sie in mir einen nützlichen Idioten. Man lud mir so viel Arbeit wie möglich auf, und anstatt alle Patienten im gleichen Maße unter uns Ärzten zu verteilen, erhielt ich überproportional viele und häufig die schwerkranken.

Als ein selten sich beschwerender Arzt arbeitete ich also jede Minute meiner Arbeitszeit und sogar darüber hinaus, während viele der anderen Ärzte häufige Pausen machten, ihren Kaffee in der ärztlichen Kantine tranken und sich an ihren Telefonen Privatgesprächen und -angelegenheiten zuwandten. Konnte man ihnen angesichts ihrer Müdigkeit einen Vorwurf machen?

Viel wichtiger: Wie löst man solch eine Situation? Wie ändert man ein dysfunktionales System? Naiv sind diejenigen, die glauben, dass sich ein größeres System durch die Kritik oder Arbeit eines einzelnen verändern würde. Auch meine am letzten Tag getätigte Beschwerde über meinen überproportional großen Arbeitseinsatz wurde nicht ernst genommen. Stattdessen wurde sie negativ aufgefasst, denn wer mag schon einen Meckerheini? Mir bleibt nichts Anderes übrig, als einfach keine Schichten mehr hier anzunehmen.

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