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Gesundheit! Das Internet ist voll von medizinischen Ratschlägen. Viele sind gut gemeint. Manche sind skurril. Nicht alle halten, was sie versprechen. Hinter manchen vermeintlich harmlosen Tipps verbergen sich materielle Interessen. Unser Autor rme recherchiert, was evidenzbasiert ist und was nicht.

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Warum Designer-Babys nicht machbar sind

Dienstag, 7. Januar 2020

Die Öffentlichkeit versteht unter Designer-Babys noch immer Kinder, deren Aussehen, Haarfarbe, Größe und IQ im Katalog ausgewählt werden. Eine Genschere führt dann in der Eizelle die entsprechenden Veränderungen aus und neun Monate später wird das maß­geschneiderte Wunschkind, vielleicht noch von einer Leihmutter ausgetragen, ausgeliefert. Inzwischen ist klar, dass dies reine Science Fiction oder eher schlechte Fantasie-Literatur ist, was auch für die Gegenfantasie gilt, in der sich Diktatoren Designer-Untertanen schaffen, antriebslos und gehorsam.

Denn die wenigsten der gewünschten oder befürchteten Eigenschaften aus dem Katalog der Designer-Kinder sind auf einzelnen Genen auf Chromosomen hinterlegt. Selbst die Farbe und Form der Haare sind eine polygene Eigenschaft. Und die Körpergröße wird auch durch Umweltfaktoren, etwa die Ernährung, beeinflusst.

Noch weniger gibt es Intelligenz-Gene auf den Chromosomen. Akademische Erfolge hängen ohnehin stark von Umweltfaktoren ab, etwa vom Glück einer harmonischen Erziehung und in vielen Ländern auch der Herkunft und dem Einkommen der Eltern, die ihren Kindern die Studiengebühren an einer sogenann­ten Elite-Universität finanzieren können.

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Dies ist auch den vermeintlichen Anbietern von Designer-Babys bekannt. Die neueste Idee, oder besser Geschäftsmodell, besteht nicht mehr darin, während einer Präimplantations­diagnostik einzelne Gene auf den Chromosomen zu untersuchen und danach den passenden Embryo auszuwählen.

Die US-Firma Genomic Prediction hat Tests entwickelt, die an einzelnen Zellen des Embryos einen sogenannten polygonen Risikoscore ermitteln. Mit ihm lässt sich die Wahrschein­lichkeit auf eine spätere Erkrankung abschätzen. Die Idee basiert auf den Ergebnissen von genom-weiten Assoziationsstudien, in denen eine Vielzahl von Einzelnukleotid-Polymor­phismen gefunden wurden, die mit bestimmten Krankheiten, aber auch mit Körpermerk­malen wie Körpergröße und kognitiven Leistungen wie etwa dem IQ verbunden sind.

Die Firma bietet bisher nur Tests für Krankheitsrisiken an, darunter auch für die Gefahr einer geistigen Retardierung. Tests zur Vorhersage des IQs seien auch möglich, doch hierfür sei die Zeit noch nicht reif, sagte der Firmengründer gegenüber Redakteuren von Science.

Ein Team um Shai Carmi vom der Hebräischen Universität von Jerusalem bezweifelt, dass die polygenen Risiko-Scores für das Designer-Kind 2.0 tatsächlich funktionieren würden. Die Forscher führten Computersimulationen durch, die Genomsequenzen von echten Menschen verwendeten. Wie bei einer Fortpflanzung wurden die Gene von Paaren gemischt. Danach wendeten sie die polygenen Risiko-Scores auf einzelne Embryonen an.

Für jedes Paar wurden zehn Embryonen nach dem Zufallsprinzip simuliert. Das entspricht etwa den realen Verhältnissen bei einer Präimplantationsdiagnostik. Dann wurden bekannte Risiko-Scores für die Körpergröße und die Intelligenz für jeden der zehn Embryonen berechnet. In der Realität hätte sich dann ein Paar für das größte Kind oder für das Kind mit dem höchsten IQ entscheiden können.

Doch nach den Berechnungen von Carmi und Mitarbeitern waren die Unterschiede zwischen den Embryonen nicht sehr groß. Sie betrugen maximal 2,5 cm an Körpergröße und 2,5 Punkte auf der IQ-Skala. Das sind minimale Unterschiede, für die die wenigsten Eltern wohl bereit wären, die nicht unerheblichen Kosten für die Präimplantationsdiagnostik zu tragen.

Und wenn doch, müsste ihnen die Klinik fairerweise sagen, dass es sich bei den polygonen Risikoscores nur um Wahrscheinlichkeiten handelt. Die Sicherheit auf ein etwas größeres oder etwas intelligenteres Kind könnte ihnen derzeit kein Anbieter geben.

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