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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

SNFist – eine „neue“ Fachrichtung

Montag, 10. Februar 2020

Die durchschnittliche Patientenverweildauer ist in amerikanischen Krankenhäusern kurz. Je nach Statistik kommt man auf Werte von zwischen 4 und 4,5 Tagen, wobei in manchen Instituten diese Werte zum Teil deutlich unterschritten werden. In also knapp 100 Stunden wird eine Person nicht nur stationär aufgenommen, eine Diagnose gestellt und eine Krankheit mit entweder chirurgischen oder medikamentösen Therapien behandelt, sondern es geht ihr derart gut, dass die erkrankte Person das Krankenhaus wieder verlassen kann. Wenn ich ehrlich bin, beeindruckt mich das auch heute noch, obwohl ich seit etwa 20 Jahren in der Medizin tätig bin.

Trotz einer immer älter werdenden Bevölkerung (das Durchschnittsalter in den USA lag bei 37,8 Jahren im Jahr 2015, übrigens im Gegensatz zu 45,9 Jahren in Deutschland) mit immer weniger sozialem Rückhalt, kann eine solche kurze Verweildauer nur dadurch erreicht werden, dass es immer mehr Möglichkeiten einer Krankenversorgung außerhalb des Krankenhauses gibt. Neben der häuslichen Pflege zählen Alters- und Pflegeheime zu dieser wichtigen Versorgungsstruktur.

Deshalb nahm die Zahl der Alters- und Pflegeheimplätze – mit häufigen und mehrjährigen Konsolidierungsphasen – auch über die Jahrzehnte zu. Diese Heime werden in den USA oft als „spezialisierte Pflegeeinrichtungen“ bezeichnet, abgekürzt als SNF, skilled nursing facility.

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Sie sind für Krankenhäuser unentbehrlich geworden. Denn in dem Maße, wie Menschen immer früher aus diesen in Pflegeheime entlassen werden, braucht man vermehrt Einrichtungen, die mehr als nur Rehabilitation anbieten. Deshalb haben sie neben Physio-, Sprach- und Atemtherapeuten gut geschultes Krankenpflegepersonal und in zunehmendem Maße auch eine regelmäßig ausgeübte, ärztliche Überwachung.

Genau hier betreten die sogenannten SNFisten die Bühne. Es handelt sich um Ärzte bzw. ärztlich-tätiges Pflegepersonal, die oftmals von den Fachrichtungen her aus der Inneren Medizin, Allgemeinmedizin oder, besonders beliebt, Geriatrie kommen. Bei den weniger kranken Bewohnern findet eine Visite nur alle paar Wochen statt, doch bei den frisch aus dem Krankenhaus Entlassenen erfolgt diese mehrmals die Woche oder sogar täglich. Denn die aufgenommenen Patienten sind im Regelfall noch stark beeinträchtigt, und als SNFist versucht man nicht nur die Genesung voranzutreiben, sondern eine Rückverlegung ins Krankenhaus zu meiden.

Denn wenn ein Patient innerhalb von 30 Tagen wieder stationär in ein Krankenhaus aufgenommen wird, dann hat das negative Konsequenzen. Dem Krankenhaus wird nicht nur dieser stationäre Aufenthalt nicht bezahlt, sondern ihm eine Art Strafe bei zu häufigen Wiederaufnahmen von einer amerikanischen Gesundheitsbehörde in Rechnung gestellt.

Es geht also um Kostenersparnis, bzw. korrekter gesagt der Profitmarge. Einerseits sollen Patienten immer schneller und früher entlassen werden, anderseits mindestens 30 Tage vom Krankenhaus ferngehalten werden. Das ist wie eine Art Quadratur des Kreises, doch es ist tatsächlich möglich, wenn Pflege- und Altersheime immer mehr zu einer Art Krankenhaus werden. Entsprechend kann ein SNFist eine weitreichende Diagnostik selbst mit Computer- und Magnetresonanztomographien anordnen, intravenöse Therapie verabreichen und hat Zugriff auf vielfältige Spezialisten, die bei Bedarf durchaus auch in ein solches Heim kommen.

Doch am wichtigsten ist neben gutem Pflegepersonal auch eine kompetente ärztliche Überwachung. All das führt zu einer regelrechten Explosion und Suche nach SNFisten, weshalb mir immer häufiger Stellen angeboten werden. Für Geriater scheinen goldene Zeiten anzubrechen.

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