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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Machtstrukturen im Krankenhaus

Donnerstag, 11. Juni 2020

Wer sich mit postmoderner Philosophie beschäftigt, wird über kurz oder lang auf den Franzosen Michel Foucault stoßen. Neben aus meiner Sicht etwas obskuren Ideen hat er auf eingängige Art und Weise darauf aufmerksam gemacht, wie gerade auch Krankenhäuser Institutionen der Macht sind. Hier werden Ressourcen nicht nur zum Wohle kranker Menschen gebündelt, sondern in manchen Fällen auch um Zwang und Druck auszuüben.

Das erlebe ich in regelmäßigen Abständen, wenn ich beispielsweise einem selbstmordgefährdeten Patienten einige seiner Grundrechte entziehe und z.B. juristisch untersage, das Krankenhaus zu verlassen. Wenn er das trotzdem versucht, wird die Polizei gerufen und er zwangsweise eingesperrt. Oder man denke an die Isolierung bzw. Zwangsquarantäne bei bestimmten Infektionskrankheiten, ob es sich hier nun um Tuberkulose, Ebola oder COVID-19 handelt.

Doch auch gegenüber gefährlichen bzw. agressiven Menschen weiß sich das Personal eines amerikanischen Krankenhauses problemlos zu helfen. So wurde ich konsiliarisch zu einem 39-jährigen Mann wegen agressiven Verhaltens gerufen. Er stammte aus einem der örtlichen Indianerstämme. Überproportional häufig leiden Männer und Frauen der Indianerstämme unter Drogen- und Alkoholprobleme und nach nur wenigen Tests wussten wir auch, wie er seinen dritten Herzinfarkt sich zugezogen hatte: Die Einnahme vom Methamphetaminen, auch wenn er das bestritt.

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Doch obwohl er von uns Hilfe in Form der Behandlung seines Herzinfarktes wollte, so verhielt er sich nicht nur laut, sondern auch agressiv. Hier schaltete man mich als Krankenhausinternisten ein und so eilte ich zum Krankenzimmer. Schon im Gang wurde ich von zwei eher zierlichen Krankenschwestern abgefangen und sie boten mir Hilfe an, wobei ich natürlich wusste, dass sie weniger sich als den Sicherheitsdienst meinten. Tatsächlich erschienen in kürzester Zeit drei von der Statur her sehr beeindruckende Männer und so traten wir in das Patientenzimmer ein, im Hintergrund die drei Männer jeden Schritt und vor allem jede Handlung des Patienten beobachtend.

Schnell begriff er seine zum Scheitern verurteilte Position, stellte sich schlafend, machte mürrisch und wie überrascht die Augen auf als ich ihn wiederholt ansprach und leicht schüttelte, um dann jede meiner Anweisungen zu folgen und jede Frage zu beantworten. Die Alternative wäre für ihn unschön gewesen, wie er sicherlich zur Genüge in der Vergangen­heit erfahren hatte. So genügten uns beiden eine nur wenige Minuten andauernde Anamnese und körperliche Untersuchung, und er willigte ein das von mir angeordnete Beruhigungsmittel einzunehmen. Die Krankenschwestern verabreichten es in Gegenwart der noch immer im Zimmer stehenden Männer und danach schlief er wirklich ein und die ganze Nacht hindurch. Etwas mürrisch und benommen entließ ich ihn am nächsten Morgen.

Die Macht des Staates beruht unter anderem auf der Fähigkeit, bestimmte Ressourcen im richtigen Moment bündeln zu können. Im Krankenhaus erlebe ich das täglich, und es beeindruckt mich jedes Mal, ob nun die Anwesenheit vieler Spezialisten und Technologie bei schwerkranken Menschen oder eben dem Sicherheitspersonal beim agressiv auftretenden Mann. Die etwas rauhe Lebenswirklichkeit der amerikanischen Gesellschaft hat es aber auch leicht gemacht, erfolgreiche Machtmodelle ins Krankenhaus zu übertragen.

Übrigens erfahre ich, wie auch in Deutschland diese Modelle immer öfters im Krankenhaus Einzug halten und erfolgreich angewendet werden. In dem Maße wie die deutsche Gesellschaft der amerikanischen immer mehr ähnelt, werden auch diese Machtfoci immer wichtiger.

Leserkommentare

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Avatar #103070
Henry I
am Freitag, 12. Juni 2020, 05:57

Schön beschrieben.

Das ist auch in Deutschland nicht unüblich, wenngleich diese Machtstrukturen hier nicht ganz so offensichtlich zutage treten.
Avatar #810440
Heli Lange
am Donnerstag, 11. Juni 2020, 20:13

Agressionen mit Beruhigungsmitteln bekämpfen?

Wenn man seiner Freiheit beraubt wird und darauf nicht agressiv reagiert, ist ein Mensch krank !!!
Ärztlicher Zwang ist das Allerschlimmste. Ärzte leiden häufig am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: man redet den Menschen erst Probleme ein um sich dann für die 8unerwünschte) Hilfe feiern zu lassen!
LNS
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