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Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Notizen zum Coronavirus – aktuell nicht ausreichend vorbereitet

Donnerstag, 26. März 2020

Alle Artikel zum Thema der Coronavirus-Pandemie sind sehr schnell veraltet. Auch dieser Artikel wird nur wenige Tage nach seiner Niederschrift (16. März 2020) und die darin enthaltenden Informationen überholt sein. Trotzdem soll er einige persönliche Erfahrungen der ersten panikartigen Wochen im amerikanischen Gesundheitssystem festhalten.

Der Mittlere Westen gilt Mitte des März-Monats noch wie eine Insel der Seligen. Die für mich arbeitstechnich am Relevantesten drei Bundesstaaten Minnesota, Nord- und Süddakota haben insgesamt 65 bestätigte Coronavirusfälle mit nur einem Todesfall, und das bei einer Bevölkerung die um die sieben Millionen Menschen liegt. Vor allem die Millionenstadt Minneapolis ist betroffen und in der großen Zahl der Fälle sind es Reisende, die das neuartige SARS-CoV-2 Virus mitgebracht haben.

Auch wenn der Eindruck in deutschen Medien ein anderer ist, so handelt Präsident Donald Trump aus Sicht vieler Amerikaner schnell und entschieden. Seine Rhetorik ist natürlich etwas gewöhnungsbedürftig für europäische Ohren und gerne stellt er sich bei vielen Dingen in den Mittelpunkt, doch er allokiert Milliarden an zusätzlichen Geldern und erhöht den Druck auf andere Politiker, das Gesundheitswesen effizienter zu machen und mit größeren Kräften gegen dieses winzige Virus auszustatten.

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Trotzdem ist das Gesundheitssystem noch nicht ausreichend vorbereitet. Obwohl die Bekämpfung des neuen Coronavirus seit knapp zwei Wochen zur Chefsache gemacht worden ist, gibt es noch nicht einmal ausreichende COVID-19-Tests in vielen Institutionen.

Weiterhin ist die Zahl der notwendigen Isolierungszimmer zu gering und ein Umbau bzw. Umrüsten beginnt erst sehr zaghaft. Masken werden auf den Fluren entwendet und in den Einkaufsläden sind Desinfektionsmittel ausverkauft. Der für Amerika typische Witz mit dem Klopapier – „bald zahlt man mit Klopapierrollen weil es so rar geworden ist“ – macht einmal wieder die Runde, wobei man solche Witze sonst aus jenen Hamsterkaufzeiten kennt, die sonst vor großen Naturkatastrophen wie Schnee- oder Tropenstürmen stattfinden.

Wir Ärzte werden zwar täglich mehrmals mit Ausdrucken und Rundschreiben informiert, dennoch werden wir daran gehindert auf breiter Front auf COVID-19 hin zu testen. Wieso das so ist, kann ich nicht sagen. Manche munkeln um die offiziellen Zahlen niedrig zu halten, andere weil nicht ausreichend Tests vorhanden sind, während wieder andere einfach sogenannte „falsch-positive Tests“ vermeiden wollen, also wenn jemand positiv auf COVID-19 testet obwohl die Person diese Infektion nicht hat. Das ist übrigens bei den verwendeten PCR-Tests nicht sehr häufig.

Es werden die Test-Kriterien derzeit so eng gehalten, dass kaum einer unserer Patienten auf dieses Virus getestet wird. Denn nicht nur, dass man Zeichen einer Infektion der Atemwege haben muss, sondern auch noch entweder direkten Kontakt mit einem COVID-19-Kranken gehabt haben oder aus einem Land mit ausgedehnter COVID-19-Infektion kürzlich gekommen sein muss.

Im ländlichen Raum des Mittleren Westens, in dem viele Menschen noch nie die USA verlassen haben, treffen diese Kriterien nur selten zu. Deshalb wird nicht getestet, selbst wenn Patienten z.B. auf Kreuzfahrten waren oder radiologisch eher typische COVID-19-Befunde haben. Das frustriert viele von uns Ärzten, denn wir haben das Gefühl eine größere Zahl an COVID-19-Kranken vor uns zu haben, dürfen aber diese mit Verweis auf die Kriterien nicht testen. Während Infektiologen sonst oftmals unsere Unterstützer sind, überwachen sie derzeit penibel, dass wir uns an die Testkriterien halten.

Doch all das wird sich in den nächsten Tagen und Wochen ändern, davon gehe ich aus. Das Virus hat so viel Aufmerksamkeit seitens der Politik generiert, dass auf Hochtouren viele Ressourcen uns zur Verfügung gestellt werden.

Schon jetzt bittet man uns um Extradienste, schon jetzt spüren wir eine Ausweitung der Patientenzimmer und schon jetzt wird das Krankenhausleben mehr und mehr auf dem eines gut geölten COVID-19-Behandlungsinstitutes vorbereitet, bei dem elektive Eingriffe abgesagt und neue Intensivstationsgeräte beschafft werden. Und wenn wir trotzdem überwältigt werden sollten? Nun, dann werden wir bis an die Grenzen des Möglichen arbeiten und unser Bestes geben.

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