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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Coronavirus: Die Unruhe beginnt

Dienstag, 7. April 2020

Die amerikanische Gesellschaft gehört meiner Meinung nach zu einer der am weitesten individualisierten Gesellschaften der Welt. Kinder lernen schon früh, dass ihre Meinung wichtig ist und tyrannisieren, pardon: bitten, ihre Mütter und Väter im Einkaufsladen, wenn das falsche Produkt gekauft wird.

Im direkten Gespräch beobachte ich selbstbewusste Medizinstudierende, die ihren grauhaarigen Ober- und Chefärzten erklären, wieso sie mit ihrer nur sehr begrenzten Medizinerfahrung recht und die an Dienstjahren sehr erfahrenen Ärzte unrecht haben. Und mit einer Verve wird die politische Meinung verteidigt, auch wenn sie aus meiner Sicht heraus oberflächlich und sehr undurchdacht ist.

Dass Amerikaner ihre Autos lieben und öffentliche Verkehrsmittel kaum nutzen, dass sie sich höchst individualisiert kleiden und immer ausgefallenere Vornamen ihren Kindern geben, ist eine weitere Facette dieser Individualisierung.

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Deshalb gehen sie auch schwer mit den Einschränkungen des Alltages um. Klar, die anderen sollen daheim bleiben um das Virus nicht zu verbreiten, aber sie selber müssen weiterhin rausgehen dürfen, weil sie eben sie sind und wichtige Dinge zu erledigen haben. So erklären mir es immer wieder amerikanische Bürger und Patienten, wenn ich sie danach befrage, ob sie sich an die Richtlinien der gesellschaftlichen Isolierung halten. Ich nehme das achselzuckend hin.

Doch die Politik übt immer größeren Druck auf Geschäfte und Restaurants aus, weshalb das öffentliche Leben tatsächlich erlahmt. Die Strände in Florida sind gesperrt und New Yorks Straßen viel leerer, als man es sich je hätte vorstellen können. Doch all das, gekoppelt mit einer auch in den USA zum Teil hysterischen Berichterstattung („Eine 16-jährige an Coronavirus gestorben!“), macht die Menschen immer unruhiger.

Aktuell, und das ist erst Ende März, beobachte ich viel häufiger Streitereien und Beleidigungen an öffentlichen Plätzen und in Supermärkten als früher. Vor meinen Augen wurde eine Frau wegen (leichter) körperlicher Gewalt (Schubsen) von einem bis an die Zähne bewaffneten Polizisten abgeführt und die sonst eher höflichen Amerikaner schneiden einem den Weg nicht nur im Supermarkt, sondern auch auf den Straßen ab. Man hupt häufiger und grüßt seltener, und etwas gehetzt laufen die noch verbliebenen Menschen die Straße entlang.

Die Restaurants bleiben leer oder sind geschlossen und einige kleine Läden, die sich Monat für Monat finanziell durchgekämpft haben, haben erste Schilder mit „dauerhaft geschlossen“ aufgehängt. Die Waffenläden haben enormen Andrang und als ich einen kürzlich besuchte, war ich erschüttert angesichts der Anwesenheit von 20 anderen Männern, die allesamt Gewehre und Munition kauften. Worauf bereiten sie sich vor? Mich machte der Anblick all dieser Menschen mit ihren neuen Waffen nervös.

Ich hoffe ich täusche mich, aber es fühlt sich an als würde die amerikanische Gesellschaft immer nervöser werden. Wenn sich das so weiterentwickelt, werden wir erste Unruhen und ggf. sogar Plünderungen im Laufe des Aprils sehen. Angesichts der großen Dichte an Waffen stimmt mich das sorgenvoll. Das neue Coronavirus scheint Amerika nicht nur physisch krank, sondern auch psychisch hochnervös zu machen.

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Avatar #810440
Heli Lange
am Freitag, 22. Mai 2020, 20:47

Waffen gegen Corona?

Die Deutschen spinnen auch! Die Gesellschaften leiden leider unter einem "Machbarkeitswahn". Trotzdem ist uns am Ende des Lebens ein Tod gegönnt! - und dagegen kann und will eigentlich auch keiner etwas machen. Es ist die Vergänglichkeit, die das Leben so wertvoll macht. Etwas Demut vor Gott ist kein Fehler...
Avatar #88255
doc.nemo
am Freitag, 10. April 2020, 11:02

Mit genügend Angst und Druck...

Die Erfahrungen der letzten Wochen zeigen, dass die Menschen anscheinend alles akzeptieren, wenn von oben nur genügend Angst und Druck gemacht wird. Selbst in hartgesottenen Demokratien unterwerfen sich die Bürger ohne Murren kriegsrechtsähnlichen Verhältnissen. Das wird in den USA nicht anders sein.
Avatar #768562
G. Gross
am Mittwoch, 8. April 2020, 21:05

Angst fressen Menschen auf

Wenn man häufiger in den USA reist, fällt es zunehmend auf, viele US-Amerikaner scheinen mehr und mehr vor irgendetwas Angst zu haben, sind abhängig von Äußerlichkeiten, haben Schulden, haben Angst etwas falsch oder zu wenig bucks zu machen, den Job und damit die Kran­ken­ver­siche­rung zu verlieren etc. etc. Und jetzt so etwas wie Corona, den Virus, den man nicht so einfach erschießen, einsperren oder nur mit viel Geld verschwinden lassen kann. Selbst beten hilft wohl nicht besonders, wie mir kürzlich ein Herr beichtete. Andererseits, der Individualismus ist derart ausgeprägt, dass es wohl kaum je zu gemeinschaftlichen Aktionen kommen wird, solange es nicht ein nationales Gesetz gibt, das das befiehlt und damit klar macht, dass andere verantwortlich sind.
Avatar #803621
Gabriele Heuze
am Mittwoch, 8. April 2020, 14:48

Lockerungen nach den Frühlingsferien?

Der Himmel möge uns davor bewahren! Es sei denn, man möchte unbedingt die Todesrate durch Covid-19 rasant erhöhen! Die Pandemie hat noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht, wir befinden uns in der Ruhe vor dem Sturm. Was in den USA erschwerend dazu kommt, ist ein Präsident, der offensichtlich nicht weiß, was er tut und was er tun soll!
Avatar #803438
SInteresse
am Mittwoch, 8. April 2020, 10:50

Andere Länder andere Sitten

Danke für die Schilderungen!
Nicht greifbare Bedrohungsgefühle treiben die Menschen in irrationale Handlungen, in Deutschland glücklicherweise bisher nur zu irrsinnigen Toilettenpapierkäufen.
Das Management der Regierungen von Deutschland und USA unterscheiden sich. In den USA ist es weniger berechenbar und fördert die Unruhe. Und dann ist es immer wieder erstaunlich wie lange es dauert, bis die Leute in anderen Ländern eine realistische Einschätzung bekommen. Exponentielles Rechnen ist für viele schwierig und wohl mit unserem Empfinden nicht vereinbar!
Hier daher ein einfaches Beispiel, das jeder mit dem Taschenrechner nachvollziehen kann: Sind 2 Leute infiziert, und diese infizieren jeden Tag 2 neue Leute, die das gleiche tun, sind es nach 14 Tagen über 32.000 Infiziere. Infizieren die beiden jeden Tag drei Leute und diese auch immer wieder 3, sind es nach 14 Tagen über 9 Mio. Infizierte.
Eigentlich müssten Amerikaner das auch verstehen, denn von dort kommt Network-Marketing.
Avatar #787607
Jost Tödtli
am Mittwoch, 8. April 2020, 10:22

Hoffentlich nur in den USA

Darum sollten wir nach den Frühlingsferien damit beginnen zu lockern.
In den USA ist halt alles extremer aber auch dort ist das gar keine gute Entwicklung.
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