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Schützt alter Polio-Impfstoff vor COVID-19?

Montag, 15. Juni 2020

Manche Impfstoffe schützen nicht nur vor den Krankheitserregern, gegen die sie entwickelt wurden. So wurde nach der Einführung der oralen Polio-Vakzine entdeckt, dass die geimpften Kinder auch seltener an anderen Infektionen erkrankten. Dies gilt einmal für verwandte Erreger.

So konnte ein Polioausbruch, zu dem es 1959 in Singapur kam, mit einem monovalenten Impfstoff gegen den Typ 2 des Poliovirus gestoppt werden, obwohl die Erkrankungen durch Polioviren des Typs 1 ausgelöst wurden. Im Jahr 1975 hat eine Massenimpfung gegen Polio in Bulgarien die Zahl der Polio-ähnlichen Erkrankungen gesenkt, die durch das Enterovirus 71 ausgelöst wurden, einem entfernten Verwandten des Poliovirus. Dabei gilt als erwiesen, dass die Polio-Impfstoffe keine Kreuzimmunität erzeugen.

Studien aus den 1960er und 1970er Jahren kamen zu dem Ergebnis, dass eine Polio­impfung die Häufigkeit von Influenza-Infektionen um den Faktor 3,8 senkt. Genitale Herpeserkrankungen scheinen nach einer Polioimpfung ebenfalls schneller abzuheilen. In Finnland kam es nach der Polioimpfung zu einem Rückgang der akuten Mittelohrentzündungen, die von anderen Viren und von Bakterien ausgelöst werden.

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Ähnliche Schutzwirkungen wurden nach der MMR-Impfung oder nach der BCG-Impfung beobachtet. Gemeinsam ist allen genannten Impfungen, dass sie mit geschwächten Lebenderregern durchgeführt werden. Forscher führen breite Schutzwirkung auf eine Aktivierung der unspezifischen Immunabwehr zurück, die etwa durch die vermehrte Freisetzung von Interferonen auch andere Erreger blockiert.

Bei der BCG-Impfung soll eine Notfallaktivierung der Granulozyten eine Rolle spielen, die auch vor einer Sepsis schützen könnte. Im Gegensatz zum Impfschutz, der langfristig die Bildung von Antikörpern und Gedächtniszellen stimuliert, scheint es sich aber um ein vorübergehendes Phänomen zu handeln, das relativ rasch verfliegt.

Könnte diese Schutzwirkung genutzt werden, um Menschen während der derzeitigen Coronakrise zu schützen und die Zeit bis zu einem gezielten Impfstoff zu überbrücken? Die Idee wird derzeit in zwei klinischen Studien überprüft. In Australien werden in der BRACE-Studie derzeit über 10.000 Krankenhausangestellte auf eine Impfung mit BCG oder Placebo randomisiert. Dieselbe Strategie wird in der BCG-CORONA-Studie an 1.500 Krankenhaus­angestellten in den Niederlanden untersucht. Ergebnisse der beiden Studien werden für Oktober erwartet.

Mitarbeiter der US-Arzneimittelbehörde FDA haben jetzt in Science den Einsatz der oralen Polioimpfung vorgeschlagen. Das Team um Konstantin Chumakov erhofft sich eine besonders starke Wirkung, da das Poliovirus wie SARS-CoV-2 zu den Positivstrang-RNA-Viren gehören.

Die Verwendung der oralen Polio-Impfung biete gegenüber BCG mehrere Vorteile, schreiben die FDA-Mitarbeiter: Der Polio-Impfstoff habe sich über Jahrzehnte als sicher erwiesen. Nebenwirkungen seien selten. Zu einer Impfstoff-assoziierten paralytischen Polio (VAPP), die durch Rückmutation des Impfstoffs in einen pathogenen Erreger ausgelöst wird, komme es nur Einzelfällen (1 Fall auf 3 Millionen Impfungen).

Sie könnten zudem durch eine anschließende Impfung mit dem inaktivierten Poliomyelitis-Impfstoff sicher vermieden werden. Eine BCG-Impfung sei dagegen häufiger mit Nebenwirkungen verbunden. Etwa 1 % der Geimpften würden eine medizinische Betreuung benötigen.

Orale Polio-Impfstoffe seien leicht herzustellen und in großer Menge verfügbar. Jährlich würden etwa 1 Milliarde Dosierungen verwendet. Beim BCG-Impfstoff könne es dagegen zu Lieferengpässen kommen.

Die FDA-Mitarbeiter schlagen zunächst die Durchführung einer randomisierten Studie vor. Wenn diese erfolgreich abgeschlossen sei, könnten die am meisten von COVID-19 gefähr­deten Bevölkerungsgruppen geschützt werden. Am besten wäre es jedoch, wenn die gesamte Bevölkerung geimpft würde.

Ob es zu derartigen Impstoffstudien kommt, bleibt abzuwarten. Der Virologe Thomas Mertens von der Uniklinik Ulm hat sich gegenüber der Deutschen Nachrichtenagentur skeptisch geäußert.

Ein weltweiter Einsatz sei kaum vorstellbar, meint der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut, zumal die Strategie der Weltgesund­heits­organisation derzeit darin bestehe, die Polioimpfung auf eine Impfung mit inaktivier­ten Viren umzustellen, um die Eradikation des Poliovirus-Typs 1 – des einzigen noch verbliebenen Polio-Wilderregers – zu ermöglichen. Die Impfung der Bevölkerung mit dem oralen Impfstoff könnte dieses Ziel gefährden, da mit der Impfung erneut Impfstoffviren in Umlauf gelangen, aus denen sich durch Rückmutationen wieder ein neuer Wildtyp entwickeln könnte.

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