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Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Die erste Hälfte von 2020: Übersterblichkeit in den USA

Montag, 13. Juli 2020

Es gibt eine intensive Debatte über die Schwere der SARS-CoV2-Pandemie. Ich beteilige mich im Regelfall nur peripher an diesen Debatten, denn ich bin eher konfliktscheu und für meinen Geschmack ist diese Debatte zu schrill. Doch selbst in meinem persönlichen Umfeld wird sie geführt, und ich merke wie festgefahren die Positionen zum Teil sind. Ich habe mehrere Dutzend COVID-19-Patienten behandelt und bin entsprechend ein eher erfahrener Arzt auf diesem Gebiet.

Doch diese ärztliche Erfahrung entpuppt sich im Regelfall eher als Hindernis, vor allem wenn sie im Widerstreit mit der Meinung anderer steht. Denn manchmal wird sie einfach negiert und lieber auf die Informationen aus den (nicht-medizinischen) Medien verwiesen.

So hat einer meiner engeren Freunde tatsächlich den Kontakt mit mir minimiert als ich, auf seine Frage hin, die Coronamaßnahmen als überzogen bezeichnete. Er, der im Krankenhaus wegen einer Coronainfektion behandelt worden war, warf mir eine Verhöhnung der Coronaopfer und Gefährdung der Allgemeinheit vor und wollte als Folge unserer Meinungs­diskrepanz weniger Kontakt. Auch im Kollegenkreis merke ich, wie das Thema COVID-19 sehr kontroverse geworden ist.

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Umso erfreuter bin ich über Statistiken und Zahlen – mittlerweile liegen fast alle Sterbe­zahlen für die USA für die erste Hälfte des Jahres 2020 vor. Diese will ich kurz und bündig darstellen, wie auch einen Vergleich zu 2019 ziehen.

Als Hintergrund sei darauf verwiesen, daß die amerikanische Bevölkerung etwa 330 Millionen Menschen umfaßt, von denen knapp 8.000 Menschen pro Tag versterben, also auf die Woche hochgerechnet etwa 55.000 Menschen. Es gibt jahreszeitliche Schwankungen und im allgemeinen versterben mehr Menschen in den Wintermonaten und weniger während der wärmeren Monate im Spätfrühling, Sommer und Frühherbst.

Der Vergleich zwischen der ersten Hälfte 2019 und 2020 zeigt zunächst ein ähnlicher Verlauf hinsichtlich der Mortalitätszahlen – es sterben etwa 58.000 Menschen pro Woche.

Doch ab Ende März 2020 steigen die Sterbezahlen für mehrere Wochen zum Teil deutlich an: Von einem Basalwert von etwa 58.000 Toten pro Woche steigt ab der Kalendarwoche 13, also der Zeitraum 22.-28. März, dieser Wert auf seinen höchsten Stand von 77.583 Tote in der 15. Kalendarwoche (Zeitraum 5. bis 11. April) an, um dann Mitte Mai wieder auf das Niveau vor der COVID-19-Pandemie abzusinken. Ab dem 17. Mai sinkt dieser Wert immer niedriger und sogar unter die Marke von 50.000 Toten pro Woche Anfang Juni.

Der Vergleich zu 2019 zeigt, daß es eine Übersterblichkeit, also eine vermehrte Sterblichkeit, von bis zu 20.000 Toten pro Woche für einige Wochen gegeben hat. Das SARS-CoV-2 hat hierbei aber nur einen Teil gespielt, denn selbst am Maximalzeitpunkt der Pandemie gab es „nur“ 15.405 Tote, die ausschließlich auf das Coronavirus zurückgeführt wurden bzw. 16.370 Menschen, die an allen Folgen von COVID-19 verstorben sind.

Woher rührt der Rest der Übersterblichkeit her? Einfach nicht diagnostizierte COVID-19-Tote, obwohl ab April fast flächendeckend Tests vorhanden waren? Die Statistik zeigt, dass es auch einen deutlichen Anstieg der Sterblichkeit als Folge von Herkrankheiten, Diabetes mellitus oder Nierenerkrankungen gegeben hat. War das auch Folge der SARS-CoV2-Pandemie? Oder war das Folge administrativer und logistischer Maßnahmen? Spielten hier psychische Faktoren eine Rolle wie die mediale Hysterie oder die Isolierung vieler Menschen?

Ich denke wir werden noch lange über diese Pandemie diskutieren. Ich würde mir eine konfliktarme und ergebnisoffene Diskussion wünschen und verweise deshalb gerne auf die Quellen dieser Zahlen.

Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC legt sie transparent dar, wobei es im Laufe des Jahres ggf. noch zu leichten Justierungen der Zahlen kommen wird.

Leserkommentare

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Avatar #838356
RKubitzek
am Samstag, 8. August 2020, 17:46

Übersterblichkeit durch Maßnahmen (Kollateraltote)

Die Zuordnung der Übersterblichkeit auf entweder covid-19 oder auf andere Folgeerscheinung der Maßnahmen wird ja hitzig diskutiert, denn hier wird aus meiner Sicht versucht, die Gefährlichkeit des Virus kleiner zu reden und die Folgen der Maßnahmen größer zu reden. In der EU sind meiner Meinung nach die Verhältnisse klar zu sehen, wenn man in die Übersterblichkeits-Charts der verschiedenenen europäischen Länder bei "Euromomo" schaut. Der Peak in der Übersterblichkeit April-Juni ist da meiner Meinung nach fast vollständig covid-19 zuzuordnen, aus einem ganz einfachen Grund. Es gibt nämlich Länder, die drastische und rechtzeitige Maßnahmen gegen covid-19 getroffen haben und gar keinen sichtbaren Übersterblichkeits-Peak in den Charts haben. Weder durch Covid-19 noch durch die Maßnahmen. Das zeigt ganz klar, dass die Maßnahmen zwar sicherlich auch Tote verursachen (Suizide, aufgeschobene OP's), dass dies aber so wenig ist, dass dies in den Übersterblichkeits-Charts nicht aus dem statistischen Rauschen rauskommt. Daher ist der Übersterblichkeits-Peak April-Juni in Ländern wie England, Belgien, Spanien, Italien,... ganz klar covid-19 zuzuordnen.
Avatar #837405
IchfragmaleinenArzt
am Freitag, 31. Juli 2020, 08:08

Danke für den unaufgeregten Kommentar

Ich gebe zu, ich habe schon aufgeregt diskutiert.
Es geht bei der "Aufregung" im Kern jedoch nicht um die Frage an sich, wie gefährlich genau Sars-Cov2 ist.
Entscheidend ist die Diskrepanz des Vorsichts-Niveaus, welches die Diskussionsparteien als notwendig erachten.
Daher verstehe ich Ihren Freund teilweise. Natürlich kann man darlegen, dass man noch nicht so genau weiss, wie gefährlich die Pandemie ist. Es gibt aber Anzeichen, dass sie sehr gefährlich sein könnte.
Daher haben Sie als Arzt eine besondere Verantwortung, den Menschen nicht das Gefühl zu geben, sie müssten keine Vorsicht walten lassen, da wichtige Daten für eine abschliessende Bewertung der Lage ja noch fehlen würden.
In dieser Periode haben Sie als Arzt eine gesellschaftliche Verantwortung über die bekannte, auch schon hohe, hinaus. Die Menschen blicken in ihrer Unsicherheit zu denen, die am ehesten Bescheid wissen müssten.
LNS
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