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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Patienten dürfen nun unsere Arztbriefe lesen

Mittwoch, 14. April 2021

Am 5. April, 2021 trat ein neues Gesetz in Kraft und von jenem Tag an musste Patienten der Zugriff auf ärztliche Dokumente hinsichtlich ihrer Behandlung ermöglicht werden. Damit haben sie, mit wenigen Ausnahmen und hier vor allem im psychiatrischen Bereich und bei Eigen- oder Fremdgefährdungslage, Zugriff auf alle Dokumente die über sie und ihre Behandlung angefertigt wurden.

Da in den USA ärztlicherseits die Pflicht besteht, ein oft mehrseitiges Dokument bei jedem Patientenbesuch zu erstellen, werden also seit diesem Tag Millionen an Dokumenten für Patienten einsehbar.

Wenn ich z.B. Frau Müller wegen einer Lungenentzündung stationär aufnehme, dann erstelle ich ein drei- bis sechsseitiges Dokument als Aufnahmebericht. Jeden Tag, an dem ich sie visitiere, verfasse ich einen ein- bis dreiseitigen Arztbrief über meine Visite und am Entlassungstag einen mehrseitigen Entlassungsbericht – oft als zwischen 10 und 20 Seiten an ärztlicher Dokumentation. All das muss Frau Müller nun zur Einsicht verfügbar gemacht werden.

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Wenn ich Dr. Pulmologe konsiliarisch hinzuziehe, erstellt dieser ebenfalls einen mehrseitigen Konsilbefund, wie auch einen ein- bis zweiseitigen Bericht wenn er z.B. eine Lungenspiegelung (oder sonstigen Eingriff) vornimmt. Der Radiologe erstellt einen ein- oder zweiseitigen Befund des Röntgen- oder CT-Bildes und der Pathologe einen Pathologiebericht – auf all das hat nun Frau Müller elektronisch Zugriff, kann also die Befunde von ihrem Bett aus lesen oder ihren Kindern diese zusenden.

Dazu kommen natürlich die Ergebnisse von Bluttests, wie auch Vitalparametern und anderen, in die elektronische Akte eingelesenen Befunden. Die Angehörigen können also hautnah die Behandlung ihrer Liebsten verfolgen, sofern sie von dieser die Erlaubnis und Zugriff hierzu haben. All das führt dann oft zu Fragen und Anrufen bei mir auf Station oder im Arztzimmer.

Im digitalen Informationszeitalter, also einem Zeitalter in dem sehr viel, vielleicht sogar zu viel kommuniziert wird und in welchem wir Menschen mit Informationen regelrecht überflutet werden, hat der Patient nun also Zugriff auf eine weitere Facette seiner Behandlung. In einem Zeitalter, in dem alte Autoritäten zunehmend in Frage gestellt und durch andere Autoritäten wie Google, Wikipedia oder anderen Onlineinformationsquellen ersetzt werden, führt all das zu einer zunehmenden Hinterfragung ärztlicher Autoritäten. So erlebe ich das zumindest in meinem Alltag.

Außerdem führt die vergrößerte Menge an Informationen bei den Patienten und ihren Angehörigen nicht zu einem Gefühl der Sicherheit, sondern eher zu neuen Fragen und einem Gefühl der Unsicherheit.

Wieso schrieb ein Arzt etwas von „Ausschluß eines Karzinoms“ und danach geschah vermeintlich nichts? Weshalb ist das CRP erhöht und im ärztlichen Dokument steht zwar etwas von Entzündungsprozessen, aber niemand scheint hier aktiv zu therapieren? Et cetera.

Wichtig ist auch die Frage, was diese scheinbare Transparenz nun für uns im ärztlichen Alltag bedeutet.

Erstens, wir Ärzte passen den Inhalt unserer Arztbriefe an. Wir erwähnen positive Aspekte häufiger und versuchen negative zu meiden wo möglich.

Zweitens, unsere Sprache wird vereinfacht, denn viele Ärzte wollen vermeiden dass Patienten Unklarheit über ihre Behandlung haben und sie mit unzähligen Fragen aufhalten – eine einfache Sprache kann wiederum nur einfache Sachverhalte ausdrücken, komplexe Sachverhalte hingegen nicht.

Drittens, der Inhalt wird am Interesse des Patienten und weniger an den der Kollegen ausgerichtet, das heißt es geht in den Berichten weniger um die Kommunikation mit anderen Ärzten oder Pflegepersonal als um die Mitteilung an den oft als Laien zu bezeichnenden Leser – dabei ist gerade z.B. ein Konsilbericht vor allem für den um Rat bittenden Arzt wichtig.

Viertens, Ärzte werden noch mehr Zeit bei der Erstellung und Überarbeitung ihrer Dokumente einsetzen, was im Umkehrschluss weniger Zeit im direkten Umgang mit Patienten bedeutet.

Natürlich gibt es viele Befürworter dieses neuen Gesetzes, gerade aus dem nicht-ärztlichen Bereich. Wer beispielsweise den Artikel in der Washington Post zu diesem Thema liest, spürt einen eher positiven Grundton.

In einer Welt, in der gefühlt noch mehr politische Entscheidungen hinter verschlossenen Türen stattfinden als früher und immer mehr digitale Konzerne sich von einer früher propagierten Transparenz abwenden, ist es natürlich zynisch, wenn in anderen Bereichen dieser Rückgang an Transparenz kompensiert wird.

Außerdem will ich hier ehrlich und offen sein: Ich fühle mich bedroht von dieser Entwicklung. Ich empfinde diese Veränderung als Rückschritt und fühle mich von ihr abgestoßen. Für mich gehört zur Kommunikation auch das Recht nicht alles Gedachte oder Geschriebene mitteilen zu müssen. Doch auch hier gilt: Wir sind immer machtloser im Getriebe des Systems.

Kommentare

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Avatar #881485
Katrin Scharmach
am Freitag, 23. April 2021, 07:18

Bisherige Forschungsergebnisse zeichnen ein anderes Bild

Untersuchungen zeigen, dass es überwiegend Vorteile bringt, Patienten Einblicke in ihre Akte zu gewähren.

Patienten verstehen durch eine transparente Kommunikation nicht nur besser, was ihnen fehlt, sondern bauen aufgrund der erlebten Offenheit auch eine bessere Beziehung zu ihren Ärzten auf. Neben einer besseren Compliance zeigte sich in Studien auch eine erhöhte Selbstfürsorge/-wirksamkeit und Kontrollüberzeugung. Dadurch, dass Patienten besser in der Lage waren, ihren eigenen Gesundheitszustand zu verstehen, konnten sie besser in die Behandlung integriert werden, was sich positiv auf die Effizienz und Qualität der Behandlung auswirkte.

Nicht weniger bedeutsam: Bei Einsicht in die eigene Akte können Fehler etwa in der Medikation, die auf einem Dokumentations- oder Kommunikationsfehler basieren, schnell korrigiert werden. Auch hier konnte gezeigt werden, dass das Zutrauen zum Arzt durch eine solche Korrektur nicht abnahm, sondern stieg.

Von ärztlicher Seite kam bereits in den ersten Studien zu OpenNotes ein positives Feedback. Keiner der initial beteiligten 105 Allgemeinärzte entschied sich nach einem Jahr für das „alte Informationssystem“, gegen eine Offenlegung der Inhalte. Die positiven Aspekte überwiegen stark: Die Arbeitsabläufe in den Praxen wurden nicht durcheinandergebracht, Patienten haben nicht durch ständiges Nachfragen zu mehr Kommunikationsbedarf geführt, und die einzelnen Arztbesuche verliefen effektiver. Eine Zunahme von Rechtsstreitigkeiten wurde nicht beobachtet. Studien und Erfahrungen von nunmehr 50 Mio. Patienten haben dazu geführt, dass OpenNotes in den USA seit April verpflichtend geworden ist und sich immer mehr Länder der Bewegung anschließen. In Deutschland sind wir an der Universität Witten/Herdecke noch allein – aber erste Daten bestätigen auch hier die positiven Eindrücke.

https://www.aerzteblatt.de/archiv/182622/Open-Notes-Transparenz-in-der-Arzt-Patienten-Kommunikation

Katrin Scharmach, Prof. Dr. med. Tobias Esch, Witten
Avatar #836044
Christine Salzer
am Mittwoch, 14. April 2021, 20:14

Patient als Anwalt seiner Beschwerden

Wer nicht auf Augenhöhe kommuniziert - und dazu gehört nun mal auch die Druckfreigabe - handelt nicht marktkonform und damit undemokratisch. Für solche Parallelwelten steht unter anderem das Betreuerunwesen und dabei insbesondere das PsychKG, mit dem Unwilligen "geholfen" wird. Ich bin froh, dass das Patientenrecht nicht mehr bis zum Jüngsten Gericht vertagt wird. COVID ist eine der Blüten, die diese Diktatur sonst treibt.
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