DÄ plusBlogsGesundheitMetaanalyse: Sportler erkranken häufiger an Vorhofflimmern
Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit! Das Internet ist voll von medizinischen Ratschlägen. Viele sind gut gemeint. Manche sind skurril. Nicht alle halten, was sie versprechen. Hinter manchen vermeintlich harmlosen Tipps verbergen sich materielle Interessen. Unser Autor rme recherchiert, was evidenzbasiert ist und was nicht.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Gesundheit

Metaanalyse: Sportler erkranken häufiger an Vorhofflimmern

Dienstag, 12. Oktober 2021

Sport in Maßen kann vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, wer es allerdings übertreibt, kann seiner Gesundheit möglicherweise schaden. Zu den möglichen Risiken, auf die eine aktuelle Metaanalyse hinweist, zählt ein Vorhofflimmern.

Alle kardiologischen und diabetologischen Fachverbände raten der Bevölkerung zu regelmäßiger körperlicher Aktivität. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält 30 Minuten moderater körperlicher Aktivität am Tag für ein geeignetes Mittel, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen. Es gibt allerdings immer mehr Menschen, die einen größeren Ehrgeiz entwickeln. Die Marathonläufe, die (in Nicht-Pandemiezeiten) viele Tausende Teilnehmer haben, bezeugen dies.

In Schweden nehmen jedes Jahr im März Zehntausende am „Vasaloppet“ teil, einem Skilanglauf über 90 km. Kasper Andersen von der Universität Uppsala konnte in einer Studie zeigen, dass die Teilnehmer später um so häufiger an einem Vorhofflimmern erkranken, je öfter sie teilgenommen hatten und je besser ihre Zeiten waren (European Heart Journal, 2013; DOI: 10.1093/eurheartj/eht188). Eine solche Dosis-Wirkungsbeziehung weist in epidemiologischen Studien auf eine Kausalität hin.

Anzeige

Lluis Molina vom Hospital del Mar in Barcelona hatte zuvor in einer retrospektiven Untersuchung einen ähnlichen Effekt bei Marathonläufern beobachtet (EP Europace, 2008 ; DOI: 10.1093/europace/eun071).

Die Teilnehmer waren 6,4 Jahre nach der Teilnahme 8,8-fach häufiger an Vorhofflimmern erkrankt (das 95-%-Konfidenzintervall war wegen der geringen Fallzahl mit 1,26 bis 61,29 jedoch besonders weit).

Ein Team um Jamie O’Driscoll von der Christ Church University in Canterbury hat jetzt die Ergebnisse der beiden Studien mit 11 weiteren in einer Metaanalyse zusammengefasst. Die Studien verglichen die Daten von 6.816 Sportlern und 63.662 Nicht-Sportlern. Die Sportarten reichten von Radfahren und Laufen über Schwimmen und Rudern bis zu Mannschaftssportarten wie Fußball, Rugby und Netball (eine Variante des Basketballs).

Ergebnis: Die Sportler erkrankten später mehr als doppelt so häufig an Vorhofflimmern. O’Driscoll ermittelt eine Hazard Ratio von 2,47 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,73 bis 3,51.

Betroffen waren nicht nur Sportler, die bereits Vorerkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck hatten (und denen deshalb bevorzugt zu sportlicher Aktivität geraten wird). Auch jüngere Menschen (unter 55 Jahren) hatten ein erhöhtes Risiko. Die Hazard Ratio war bei ihnen sogar höher (3,66; 2,28 bis 5,88) als bei älteren Menschen (1,76; 0,97 bis 3,21), was jedoch an dem höheren Ausgangsrisiko liegen könnte. Das Prävalenz des Vorhofflimmerns nimmt ab dem 60. Lebensjahr stark zu.

Mannschaftssportarten wie Fußball, Rugby oder Netball waren nach der Metaanalyse mit einem höheren Risiko verbunden als Ausdauersportarten wie Langlauf, Orientierungslauf oder Rudern.

Die Ergebnisse der Metaanalyse sind allerdings mit Fragezeichen zu versehen. Die Studien unterschieden sich im Design und der Zusammensetzung sehr stark. Die Heterogenität war mit einem I2-Wert von 84 % sehr hoch. Ein Eggertest wies auf einen möglichen Publication-Bias hin, also der bevorzugten Veröffentlichung von Studien mit einem gewünschten Ergebnis. Schließlich wurden vor allem nordische Sportarten untersucht (da epidemiologische Studien in Skandinavien leichter durchzuführen sind).

Es gibt allerdings plausible Pathomechanismen. Ausdauersport führt zu einer Vergrößerung der Herzkammern und einer Zunahme der linksventrikulären Masse. Kompensatorisch könnte es zu einer Vergrößerung des linken Vorhofs kommen, dem Entstehungsort des Vorhofflimmerns.

Denkbar ist, dass exzessiver Sport hier zu kleineren Narben führt, die über einen fibrotischen Umbau des Gewebes die Funktion des Sinusknotens stören. Die vermehrte Ausschüttung von Adrenalin beim Training oder im Wettkampf könnte die Entwicklung des Vorhofflimmerns fördern wie paradoxerweise auch der erhöhte Vagustonus des Sportlers, der zwischen den Wettkämpfen zu einem langsameren Herzschlag (Bradykardie) führt, was das Herz-Kreislauf-Risiko senkt aber möglicherweise über eine Verkürzung der atrialen Refraktärzeit die Entwicklung eines Vorhofflimmerns fördert. Dies sind allerdings derzeit spekulative Annahmen.

Insgesamt scheint der Zusammenhang zwischen Sport und Vorhofflimmern nicht belegt zu sein, was angesichts der hohen Prävalenz des Vorhofflimmerns (3,3 % in der Allgemeinbevölkerung) und der zunehmenden Beliebtheit von Extremsportarten auf einen Forschungsbedarf hinweist.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
Alle Blogs
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Gesundheit
Gesundheit
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah