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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Inneramerikanische Migration

Dienstag, 24. August 2021

Seit Jahrzehnten gibt es einen ungebrochenen Trend hin in wärmere Gefilde. Obwohl die Klimaanlage im Jahr 1911 erfunden wurde, fand sie in amerikanischen Haushalten erst ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts allmählich Einzug, stark zunehmend dann ab den 80er Jahren, und ermöglichte zusammen mit einer meist auf Erdgasbasis betriebenen Heizung ein sowohl im Winter als auch Sommer angenehmes Leben im Süden der USA.

Diese technologischen Möglichkeiten bilden die Grundlage für die inneramerikanische Migration hinein in Südstaaten der USA wie Texas, Arizona oder Florida, ein Trend der seit mehr als 50 Jahren anhält. Aber auch steuerlich günstige Bundesstaaten wie Nevada oder Washington, wirtschaftlich attraktive wie North Dakota oder Utah, wie auch landschaftlich ansprechende wie Colorado, South Carolina oder Idaho wirken wie Magneten auf diese Binnenmigranten.

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Deshalb überrascht auch nicht die Liste der am schnellsten in den letzten zehn Jahren gewachsenen Regionen: North Dakota (Zuwachs zwischen 2010 und 2020 um 12,2 %), Texas (11,9 %), Utah (11,6 %), Colorado (11,1 %), Florida (10,9 %), Arizona (10 %), Nevada (10 %), Washington (9,8 %), Idaho (9,3 %) und auf Platz 10 South Carolina (8,3 %).

Schlusslichter dieser Entwicklung, also hinsichtlich der Bevölkerungszahl schrumpfende Bundesstaaten, waren übrigens West Virginia (Platz 50), Illinois, Vermont, Rhode Island und Connecticut. Hier spielen vor allem wirtschaftlicher Niedergang und Kriminalität eine Rolle beim Wegzug vieler Menschen und insbesondere im Nordosten der USA sind viele Städte und Regionen betroffen. Diese Städte erleben einen ungeahnten Abstieg mit verfallender Infrastruktur bei weiterhin teuren Lebenshaltungskosten trotz Niedergang der regionalen Industrie.

Im Rahmen der sogenannten Coronapandemie hat diese inneramerikanische Migration massiv zugenommen und zum Teil haben die vom Coronavirus verursachten Maßnahmen gerade zu einer verstärkten Abwanderung aus sehr großen und teuren Städten wie Boston, New York oder Chicago geführt. Doch neuerdings sind auch Städte der Westküste hinzugekommen wie Los Angeles, San Francisco und in ersten Ansätzen sogar Seattle. Zum Teil verloren diese Städte Einwohner im sechsstelligen Bereich, meist eher gut ausgebildete und situierte, eher jüngere Menschen. Sie zogen hin zu den schon oben erwähnten Bundesstaaten.

Doch die Beliebtheit war eine etwas andere und so standen im Jahr 2020 neben den beiden Südstaaten Florida und Texas vor allem vier bergige Bundesstaaten, Idaho, Arizona, Nevada und Utah, im Fokus dieser Zuzüge. Hier nahm die Bevölkerung in manchen Städten zum Teil um mehr als 10 % innerhalb eines Jahres zu, was dann beispielsweise dazu führte dass in der größten Stadt von Idaho, Boise, die Immobilienpreise um sage und schreibe 40 % im Jahr 2020 anstiegen.

Eine solche Binnenmigration kennt man in den USA vor allem in Krisenzeiten und als Folge ergeben sich oft langfristige politische Verwerfungen, deren Entwicklungen wir erst in einigen Jahren sehen werden. Ja, die USA verändern sich andauernd und in gewisser Hinsicht findet hier ein Anwachsen mittelgroßer Städte zu Lasten sehr großer und überteuerter Städte statt, doch ist diese Abstimmung mit den Füßen ein Zeichen wie unzufrieden viele Millionen Amerikaner sind.

Die zum Teil rigorosen Coronamaßnahmen, die vor allem in den Bundesstaaten an der Ost- und Westküste durchgesetzt wurden, waren für viele nur der sprichwörtliche Tropfen, der ein sowieso schon volles Fass zum Überlaufen brachte: Die Zunahme der Obdachlosigkeit und Kriminalität in den großen Städten der USA, die kaum noch erschwinglichen Mieten und Lebenshaltungskosten, die zerbröckelnde Infrastruktur, das sich stetig verschlechternde Bildungssystem und vieles mehr – all das führt dann zur zunehmenden Binnenmigration, die auch im Jahr 2021 noch kein Ende gefunden hat.

Ein Ende dieser inneren Umsiedlung ist derzeit also nicht in Sicht, und die USA stecken in einer tiefen Krise, so mein persönlicher Befund.

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