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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Medizinisches Personal will zunehmend aufhören

Mittwoch, 23. März 2022

Es herrscht eine große Unzufriedenheit im US-Gesundheitssystem. Es gibt nicht einen einzigen Tag, an dem ich nicht von Ärzten oder Krankenschwestern Unmutsäußerungen höre. Das geht weit über das übliche Gemecker hinaus, den ich vom ersten Tag an in Krankenhäusern und Arztpraxen hörte und eine Art Ventil angesichts des erlebten Leids darstellt, denn es zeitigt immer öfters konkrete Folgen: Ich kann mittlerweile mehr als ein halbes Dutzend an Bekannten und Freunden nennen, die ihre Arbeitsstelle in den letzten zwölf Monaten gewechselt haben und kenne noch viel mehr, die das in naher Zukunft tun wollen.

Dieser Eindruck wurde im Dezember 2021 auch durch eine große und repräsentativ durchgeführte Studie bestätigt: Die Antworten von insgesamt 20.665 Befragten an 124 Einrichtungen flossen hier ein, wobei alle im Gesundheitsbereich arbeiten. Für Details verweise ich auf diese Studie (Sinsky CA et al. 2021. Mayo Clinic Proc. 5 (6): 1165-1173): https://www.mcpiqojournal.org/article/S2542-4548(21)00126-0/fulltext).

Aus ihr geht klar hervor, dass Ärzte mittlerweile in hohem Maße unzufrieden mit ihrer Arbeit sind, wobei das auch auf das Krankenpflegepersonal zutrifft: Knapp ein Drittel der Krankenschwestern aber auch der Ärzte wollen in den nächsten zwölf Monaten ihre Arbeitszeit verringern, also auf Teilzeit umstellen. 23,8 % aller Ärzte wollen in den nächsten zwei Jahren gar ihre Arbeitsstelle verlassen, wobei dieser Anteil beim Pflegepersonal mit 40 % nochmals deutlich höher ist. Interessanterweise sind das vor allem jene Ärzte und Krankenschwestern, die seit mehr als 20 Jahren berufstätig sind.

An erster Stelle wird als Grund das Gefühl des Ausgebranntseins genannt, mit anderen Worten sind viele Menschen im Gesundheitssektor einfach überlastet. Übrigens trifft das nicht auf alle im Gesundheitsbereich arbeitende Menschen zu und beispielsweise wollen nur 12,6 % der Angestellte aus dem Verwaltungsbereich ihre Arbeitsstunden verringern. Der Wunsch nach beruflicher Änderung scheint also aus der direkten Patientenversorgung her zu rühren und nicht unbedingt als Folge allgemeiner Änderungen im Gesundheitsbereich in den letzten Jahren.

Ich spüre und sehe diese Unzufriedenheit allenthalben, mich eingeschlossen. Wir verlassen zunehmend den Gesundheitsbereich, und ich könnte viele negative Erfahrungen aus meinem Alltag hier schildern, meine Kollegen aber auch. Ein Exodus findet statt, das Boot geht unter, rette sich wer kann, das scheint das Motto.

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