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Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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2021: Die amerikanische Lebenserwartung fällt noch weiter

Dienstag, 12. Juli 2022

Seit Monaten warte ich auf die Veröffentlichung erster Zahlen über die durchschnittliche Lebenserwartung der Amerikaner für das Jahr 2021, und endlich gibt es sie, auch wenn sie aktuell, Stand April 2022, noch nicht offiziell publiziert worden sind, sondern als sogenannter „Vordruck“ der Evaluierung durch andere Wissenschaftler harren (DOI: 10.1101/2022.04.05.22273393).

Doch bei Durchsicht erscheinen mir die präsentierten Zahlen valide, und ich will sie hier vorstellen, gerade auch weil sie die negative Entwicklung des Jahres 2020 fortsetzen und einen Einblick in die sich verschlechternde Gesundheitssituation vieler amerikanischer Bürger ermöglicht.

Leider hat sich mein klinischer und hier schon häufiger geäußerter Verdacht statistisch bestätigt: Die amerikanische Lebenserwartung ist im Jahr 2021 erneut gesunken.

Lag sie im Jahr 2019 noch bei 78,86 Jahren (das heißt der berechnete Durchschnittswert für beide Geschlechter), so war sie auf 76,99 Jahre für das Jahr 2020 abgesunken und sank im Jahr 2021 erneut ab, auf mittlerweile niedrigen 76,60 Lebensjahren. Dieser Wert liegt übrigens unter Frauen bei 79,63 und unter Männern bei 73,67 Jahren.

Zum Vergleich das Jahr 2019: Hier wurden Frauen noch 81,39 und Männer 76,32 Jahre alt. Übrigens lag laut dieser Publikation die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 2021 unter Schweizern bei 83,85, Österreichern bei 81,28 und Deutschen bei immerhin 80,67 Jahren – der Unterschied zu den USA ist beachtlich.

Wie ist dieser Wert nun unter den drei Hauptethnien der USA, also schwarzen, weißen und hispanischen, d.h. zentral- und südamerikanischen Amerikanern?

Hier gibt es ein heterogenes Bild, denn während Weiße in beiden untersuchten Jahren eine Abnahme erfuhren, folgte für die Latinos und Schwarze auf das katastrophale Jahr 2020 eine leichte Besserung. In Zahlen ausgedrückt stürzte die statistische Lebensspanne regelrecht ab im Jahr 2020 unter Latinos (von 81,86 auf 78,16 Lebensjahre) und schwarzen Amerikanern (von 74,76 auf 71,54 Lebensjahre), während sie bei den hispanischen (+0,05) wie auch schwarzen (+0,42 Lebensjahre) Amerikanern dann 2021 wieder leicht zulegte.

Bei den Weißen war die Tendenz eindeutig fallend, von 78,78 (2019) über 77,40 (2020) auf gegenwärtige 77,06 (2021) zu erwartende statistische Lebensjahre.

Diese Veröffentlichung ist die erste mir bekannte, die eine Aussage über die Lebenserwartung für 2021 macht, enthält aber keine Aussage zu den Gründen für diese Entwicklung.

Zwar wird in einem Artikel der Washington Post darüber sinniert, inwieweit ein niedriger COVID19-Impfstatus hierfür verantwortlich sein könne, aber das scheint nicht ganz nachvollziehbar, denn schwarze Amerikaner haben den niedrigsten Impfstatus aller Ethnien in den USA, gefolgt von den Weißen und dann den Latinos, so zumindest Zahlen der amerikanischen Gesundheitsorganisation KFF vom 4. April 2022.

Die Schlußfolgerung ist aber unabhängig von der Ursache eindeutig: Diese Statistiken sind erschreckend, denn die USA ähneln immer mehr in vielen Kennziffern eher einem Schwellen- denn westlichen Industrieland. Die USA stecken in einer tiefen Krise.

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