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Chopin: Halluzinationen durch Epilepsie

Dienstag, 25. Januar 2011

Im Jahr 1848 unterbrach der polnische Komponist Frédéric Chopin sein Klavierspiel mitten in der Sonate Nr. 2 b-Moll Opus 35 und verließ den Salon. Für Musikhistoriker war dies bisher Ausdruck der künstlerischen Überspanntheit ihres Genies.

Der Neurologe Manuel Vásquez Caruncho vom Xeral-Calde Hospital in Lugo, Spanien, deutet es eher als Symptom einer Schläfenlappenepilepsie. Denn Chopin berichtet später, er sei geflohen, weil kleine Dämonen aus dem Klavier auf ihn zugekrochen seien. Psychiater bezeichnen dies als liliputanische Halluzinationen.

Da Chopin auch zu anderen Gelegenheiten halluzinierte, sieht sich Caruncho zu einer Differenzialdiagnose veranlasst. Eine Psychose scheidet für ihn aus, da Chopin keine akustischen Trugwahrnehmungen hatte und auch sonst keine Positivsymptome aufwies. Für die Migräne waren die Symptome zu kurz, und ein Charles Bonnet Syndrom scheidet aus, da die chronische Sehverschlechterung fehlte.

Gegen eine Nebenwirkung von Opiaten spreche, dass die Symptome vor der Einnahme des damals häufig verordneten Laudanums auftraten. Chopin war, sofern dies heute bekannt ist, auch nicht alkoholkrank oder drogensüchtig. Eine Temporallappen-Epilepsie dagegen würde das unvermittelte Auftreten und die meist kurze Dauer der Halluzinationen erklären.

Neben dem Konzertabbruch fand Caruncho noch weitere Hinweise auf Halluzinationen in der Biografie Chopins. So berichtete seine Lebensgefährtin George Sand über Geisterbilder, die Chopin beim Besuch eines Klosters wahrgenommen habe, und zu einer anderen Gelegenheit habe sie ihn blass mit aufgerissenen Augen und zu Berge stehenden Haaren an seinem Klavier angetroffen.

Einer Schülerin gegenüber soll Chopin die Wahrnehmung ganzer Kohorten von Phantomen berichtet haben. Ferndiagnosen sind sicherlich schwierig, vor allem wenn sie über mehr als anderthalb Jahrhunderte hinweg erfolgen. Medizinische Dossiers zu den Halluzinationen liegen nicht vor.

Die Ärzte Chopins haben nichts bemerkt. Die Epilepsie ist zwar bereits seit der Antike bekannt. Sie kann aber leicht übersehen werden, wenn Krampfanfälle fehlen. Eine differenzierte Diagnostik war vor der Erfindung des EEGs nicht möglich.

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