Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Die $4-Dollarliste

Freitag, 3. Februar 2012

Teil der hiesigen Ausbildung ist die Vermittlung von ressourcenschonendem Umgang in der Medizin. Das bedeutet nicht nur, dass man die Indikationsstellung eines Testes gut begründen muss ehe man ihn anordnet, sondern auch die Berücksichtigung der Kosten für Diagnostik, Therapie einschließlich der Medikamenten.

So gibt es eine $4-Dollarliste, die uns Assistenzärzten am Anfang unserer Ausbildung ausgehändigt wird: http://i.walmartimages.com/i/if/hmp/fusion/customer_list.pdf. Mit Blick auf diese Liste seien am Rande zwei Dinge bemerkt, die typisch für die USA sind: Erstens, dass Walmart der Maßstab für die hiesige Billigeinkaufskultur ist. Zweitens, dass in den USA viele Supermärkte eine Apotheke haben.

Diese Vier-Dollarliste hilft uns Ärzten ungemein, denn hiermit können wir zügig die günstigsten Medikamente heraussuchen; nicht umsonst hängen mehrere solcher Listen in unserer Praxis. Mit Blick auf diese Liste wird verständlich, wieso Medikamente wie Lisinopril, Simvastatin, HCTZ oder Amoxicillin sehr beliebt in unserer Praxis sind: Sie sind günstig und effektiv.

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Wir Assistenten haben diese Listen derart internalisiert, dass die meisten Medikamentenlisten unserer Praxispatienten sich weitestgehend ähneln. Unsere Oberärzte, wenn sie teure Medikamente mit Billigalternative bei unseren Patienten sehen, verweisen in solchen Fällen oft auf die $4-Dollarliste und bitten uns um kostengünstiges Umstellen der Medikation oder guter Begründung und Dokumentation wieso nicht geschehen.

Trotzdem: Das US-System bleibt sehr teuer. Das hat viele Gründe. Wenigstens haben wir Assistenten die Genugtuung, einen kleinen Teil dagegen gemacht zu haben.

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Avatar #104037
popert
am Samstag, 4. Februar 2012, 18:40

Antibiotikaresistenzen gezüchtet

1. So sinnvoll diese Selbstmedikation für Kranke mit kleinem Geldbeutel sein mag - die erheblichen Probleme mit Antibiotikaresistenzen in den USA werden damit erklärbar.
@ Andreas Skrziepietz
Das Teuerste zu verordnen, um den Krankenkassen zu schaden, ist eine typisch deutsche Schnapsidee - niemand hat so niedrige Zuzahlungen wie in Deutschland. Auch MEDICAID und MEDICARE haben meines Wissens keinen Nulltarif, sondern schmerzhafte Kostenbeteiligungen.
Avatar #93878
stapff
am Freitag, 3. Februar 2012, 20:33

Fehlschluss

Wenn der Horizont an der Krankenhaustüre endet, kann man tatsächlich dem Fehlschluß unterliegen, daß die Medikamentenpreise für das abnorm teuere Gesundheitssystem in den USA verantwortlich sind. Tatsächlich sind es aber hauptsächlich die extrem veralteten und ineffizienten Prozesse und Vorschriften in Verordnung, Abgabe und Abrechnung von Medikamenten und Leistungen, zusammen mit einem absurden Haftungssystem.
Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Freitag, 3. Februar 2012, 17:43

Wenigstens haben wir Assistenten die Genugtuung, einen kleinen Teil dagegen gemacht zu haben.

Warum? Damit stabilisiert ihr das System, anstatt seinen Zusammenbruch zu beschleunigen. Eine Regierung, die bankrotteure&Spekulanten mit Subventionen in Milliardenhöhe belohnen kann, wird doch wohl auch in der Lage sein, teure Medikamente zu finanzieren. Ich würde grundsätzlich immer das teuerste verordnen.
LNS
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