DÄ plusBlogsVom Arztdasein in AmerikaDie $4-Dollarliste (Teil Zwei) stößt an ihre Grenze
Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vom Arztdasein in Amerika

Die $4-Dollarliste (Teil Zwei) stößt an ihre Grenze

Mittwoch, 15. Februar 2012

Jüngst kam ein von mir regelmäßig betreuter 41-jähriger Patient in die Praxis für seinen Routinebesuch. Obwohl er auf wirksame Medikamente eingestellt ist – allesamt von der $4-Dollarliste – war sein Blutdruck 195 zu 112. Er gab zu, sie nicht genommen zu haben und nannte Geldmangel als Grund. Das tut er bei jedem Praxisbesuch, und ich hatte in der Vergangenheit geglaubt, dass ein konsequentes Umstellen auf Billigmedikamente das Argument obsolet machen würde. Das war falsch gedacht, denn erneut sagte er mir: „Herr Doktor, ich kann mir die Medikamente nicht leisten, ich muss das Geld für meine 17-jährige Tochter sparen, denn sie erwartet ihr zweites Kind und braucht Unterstützung von mir”.

Wenn man die Geschichte hierbei belassen würde, dann könnte mein Patient mit Präsident Obama wohl im Wahlkampf auftreten. Mein Patient erzählt seine Geschichte nämlich derart routiniert und eloquent, dass man sie gerne als Beispiel nehmen möchte, wie unbezahlbar das US-Gesundheitssystem für arbeitslose, chronisch kranke Menschen wie ihn ist, und wie ungerecht es sei, noch dazu wenn sie, wie er, schwarz sind.

Doch ich hakte dieses Mal nach und ließ mir seine Finanzlage en detail schildern: Seine fünfköpfige Familie leben in einem staatlich bezahlten Haus. Ihre Kran­ken­ver­siche­rung ist Medicaid, also staatlich bezahlt, und seine Medikamentenzuzahlungen bewegen sich meistens im Centbereich. Selbst wenn er die Medikamente aus eigener Tasche bezahlen müsste, wären es wohl zehn bis zwölf Dollar im Monat.

Anzeige

Er ist arbeitslos und erhält entsprechend Arbeitslosengeld in Höhe von knapp $1300 monatlich, 99 Wochen lang, danach staatliche Unterstützung ähnlich dem deutschen Hartz-IV. Seine Frau erhält ebenfalls Arbeitslosengeld, knapp $900 monatlich. Er erhält noch weitere Kleinigkeiten wie Nahrungskreditkarten (“food stamps”) und Nebenkostenbezuschussung.

Er ist also nicht mittellos wie er es in seiner Eloquenz mir gegenüber jedes Mal darstellt. Das Umstellen auf die $4-Dollarliste war leider nicht die Lösung, es gibt andere Gründe für seine Behandlungsuntreue (“non-compliance”). Doch was machen wenn seine Gesundheit für ihn keine hohe Priorität hat? Einmal schlug ich meinem Oberarzt vor, dass ich ihm eine $20-Dollarnote geben würde; woraufhin mich der Oberarzt fragte, ob ich mir sicher sei, dass er die Medikamente damit kaufen würde.

Es bleibt mir nichts übrig als ihn – vom US-Staat bezahlt – weiterhin in meiner Praxis zu sehen und regelrecht zu bitten, dass er seine Medikamente einnimmt. Ihn darauf aufmerksam zu machen, dass die meisten seiner Erkrankungen reversibel, weil selbst verschuldet sind: Massive Adipositas (KMI von 46), Tabakkonsum, Schlaf-Apnö-Syndrom, Hypertonus, Diabetes, Kardiomyopathie.

In solchen Fällen weiss ich nicht weiter: Höhlt steter Tropfen wirklich den Stein? Was kann man denn noch mehr machen für meinen Patienten? Weiterhin eine moralische Frage: Wie weit sollte eine Gesellschaft gehen, um solch ein Gesundheitsverhalten, solch einen Raubbau an der eigenen Gesundheit, zu bezahlen?

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #112915
petrulus
am Freitag, 24. Februar 2012, 15:26

USA - wiese bleiben die Armen?

Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle: Wenn die USA wirklich so unsolidarisch und die armen Menschen ein derart miserables Leben haben wie in den Medien dargestellt, wieso verlassen die vielen Arme dann nicht einfach die USA und emigrieren ins nahe gelegene Kanada oder in europaeische Laender? Das machen Wirtschaftsfluechtlinge aus andere Laendern auch.
Nach vielen Jahren in den USA weisz ich jedoch: Es gibt eine sehr verzerrte Darstellung der USA in den Medien und meine oft euphorisch-positive Perspektive kontrastiert das dann gelegentlich.
Avatar #625311
L.A.
am Donnerstag, 23. Februar 2012, 10:27

Dieser Beitrag korrigiert so manche unserer (meiner) Vorurteile,

demzufolge die USA ein "sozial kaltherziges" und brutales Land sind. Leider findet man solche Informationen nicht in unseren Zeitungen, nicht im Fernsehen. Uns wird gesagt: Obama ist gut, die anderen sind schlecht, ganz schlecht - die "Ultrakonservativen", die "Erzreaktionären", die "Fundamentalisten" (letzteres ist die Argumentationskeule schlechthin...).
Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Donnerstag, 16. Februar 2012, 18:58

Massive Adipositas (KMI von 46), Tabakkonsum, Schlaf-Apnö-Syndrom, Hypertonus, Diabetes, Kardiomyopathie

Ich hätte ihm geraten, McDonalds, Burger King und die Tabakfirmen auf ein paar Millionen zu verklagen, schließlich sind die schuld an seinem Zustand.
Avatar #88906
gammon
am Donnerstag, 16. Februar 2012, 06:39

zu Ihren Fragen in letzten Absatz:

Der Mann hat eine 17 jährige Tochter, die bald zwei Kinder haben wird? Denken Sie denn wirklich, daß der Apfel in dieser Familie weit vom Stamm fiel und Ihr Patient das Wort Verantwortung kennt?
Gruß aus dem SW der U.S.A.
LNS
Alle Blogs
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Gesundheit
Gesundheit
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah