Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Die Arroganz der Systeme

Dienstag, 28. Februar 2012

Die Rückkehr nach Deutschland fällt beruflich für mich schwerer als gedacht, wie ich jüngst in Beiträgen hier dargestellt hatte: Mein US-Facharzt wird wohl nur zum Teil angerechnet werden und alle Ärztkammern haben mir in Aussicht gestellt, dass ich in Deutschland noch mindestens ein weiteres Jahr Assistenzarzt sein muss.

Die meisten Kammern schreiben mir gar von “mehreren Jahren”. So suche ich derzeit nach Alternativen und habe im Rahmen dieser Suche auch kanadische, australische und neuseeländische Gesundheitsbehörden und Krankenhäuser angeschrieben. Es ergibt sich ein interessantes Paradoxon, was ich als “Arroganz der Systeme” bezeichne, von dem ich hier berichten will.

Deutschland erkennt EU-weit ärztliche Ausbildungen weitestgehend problemlos an, wie die meisten von uns wissen. Es tut sich aber mit nichteuropäischen Arztausbildungen deutlich schwerer und ein Facharzt aus dem nichteuropäischen Ausland kann nur zum Teil angerechnet werden, wie mein Beispiel demonstriert. USA und Kanada wiederum erkennen nordamerikanische Ausbildungssysteme gegenseitig an, tun sich aber sehr schwer mit der Anerkennung von nichtnordamerikanischen ärztlichen Ausbildungsinhalten und vor allem die USA zwingen (fast) ausnahmlos alle außerhalb des Systemes ausgebildete Ärzte, die gesamte Facharztausbildung in toto erneut zu durchlaufen.

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Hinter vorgehaltener Hand wird als Grund “unklar und suboptimal strukturierte Facharztausbildungen außerhalb Nordamerikas” angegeben. Australien und Neuseeland wiederum erkennen ihr ozeanisches Ausbildungssystem untereinander jeweils an, sind aber wenig offen gegenüber europäischen und nordamerikanischen medizinischen Ausbildungen. Alle Antworten aus Australien teilten mir bisher mit, dass ich noch “ein bis drei Jahre” zusätzliche Ausbildung durchlaufen müsse, ehe ich vollberechtigt dort arbeiten könne, da sie kritisch gegenüber den nicht-ozeanischen Ausbildungssystemen seien.

Betrachte ich nun all diese Informationen, so fällt auf, dass jede Region ihr Ausbildungssystem als das Nonplusultra betrachtet. Jedes System ist selbstfixiert – ist die Welt wirklich derart einseitig aus dem Blickwinkel eines Beamtenzimmers?

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Avatar #98372
Thelber
am Mittwoch, 29. Februar 2012, 20:08

Jeder sichert halt ....

... seine Pfründe nach außen ab.

Gut möglich, dass das nicht ganz stimmt - der Tendenz nach trifft das jedoch sicher den Nagel, ohne eine blauen Daumen zu hinterlassen.

Ein Aspekt scheint mir jedoch auch wichtig: Mit der Ausbildung zum Facharzt (welcher Disziplin auch immer) nimmt man zwangsläufig doch ganz andere Dinge "so nebenbei" auch mit auf, die zwar nicht unbedingt zur Medizin im engeren Sinne gehören, für eine optimale Patientenversorgung jedoch nützlich sind und von Nation zu Nation ganz erheblich differieren können. Insofern halte auch ich die "problemlose" Anerkennung innerhalb der EU (auf "Weisung von oben" wohlgemerkt) für einen Witz. Das in einem oder zwei Anerkennungsjahr(en) nachzuholen halte ich für zumutbar.

Nebenbei: Auch wenn ich nicht weiß, weshalb Sie Ihre Facharztausbildung in den USA anstrebten: Sie haben jetzt eben einen nordamerikanischen Facharzt. Diese Ausbildung haben Sie angegangen und jetzt als Blatt Papier. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr ! Da jetzt zu jammern ist mir wenig nachvollziehbar, diese Informationen kenne ich schon seit Jahrzehnten.
Avatar #91521
SydIMM
am Mittwoch, 29. Februar 2012, 00:00

Systeme und Beamtenzimmer

Es ist völlig legitim seitens der verschiedenen Ärztekammern etc. zu prüfen, ob der jeweilige Facharzt denen der im Land ausgebildeten Ärzte äquivalent ist. 3 Jahre US Facharztausbildung ist nicht zu vergleichen mit 5 bzw. 6 Jahren in Deutschland oder 7 oder mehr Jahren in Australien, wobei auch die Infrastruktur berücksichtigt werden muss, in welcher dann nach Anerkennung gearbeitet werden muss. Diese Regelungen werden im übrigen meist von Ärzten und nicht von Beamten entworfen. Die Beamten bearbeiten lediglich die Anträge, deshalb hilft über Letztere zu jammern wohl wenig. Ich könnte mir ein System vorstellen in denen Fachärzte, die das Land wechseln wollen, im neuen Land ein bis zwei Jahre in einem Krankenhaus unter Aufsicht praktizieren, und dann am Ende eine wie auch immer geartete faire Prüfung ablegen. Was in Europa mit der pauschalen gegenseitigen Anerkennung passiert ist im Grunde auch eine Farce.
Avatar #3125
joannae
am Dienstag, 28. Februar 2012, 19:56

Umweg über Österreich?

Meines Wissens nach wird in Österreich die amerikanische Facharztausbildung anerkannt; zumindest wenn man beabsichtigt dort zu leben und zu arbeiten. Einen österreichischen und somit europäischen Facharzt werden die deutschen Ärztekammern anerkennen. Vielleicht wäre das ein Weg.
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