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Morbidität: Milchmädchenrechnung zu späten Frühgeburten

Freitag, 2. März 2012
Eine Geburt vor der 32. Gestationswoche ist mit einem deutlich erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko verbunden. Auch wenn die Kinder die ersten Wochen überstanden haben, bleiben sie häufiger in ihrer späteren Entwicklung zurück. Sie sind im Alter von 3 oder 5 Jahren kleiner und leichter, sie sind krankheitsanfälliger, müssen häufiger im Krankenhaus behandelt werden und sie leiden häufiger unter chronischen Erkrankungen, die ihre Aktivitäten einschränken.

Auch asthmaartige Atemstörungen treten bei ihnen häufiger auf. Dies zeigen auch die Untersuchungen von Elaine Boyle von der Universität Leicester. Die Neonatologin hat Daten der Millennium Cohort Study ausgewertet. Diese Langzeituntersuchung begleitet eine Gruppe von 18.818 Kindern, die nach der Jahrhundertwende in Großbritannien geboren wurden. Die Kinder wurden im Alter von 9 Monaten, 3 und 5 Jahren untersucht.

Die Auswertung zeigt, dass die Morbidität der Kinder im Vorschulalter deutlich ansteigt, wenn sie vor der 32. Woche geboren wurden. Die Studie zeigt aber auch, dass Kinder, die in den Wochen 32 bis 33, 34 bis 36 ein erhöhtes Morbiditätsrisiko haben. Ja, selbst bei einer Geburt in den Wochen 37 und 38 sind noch Unterschiede zu den am Termin geborenen Kindern nachweisbar.

Die „Ausschläge“ sind jedoch äußerst gering. So liegt der Größenunterschied im Alter von 3 Jahren bei 0,4 cm und im Alter von 5 Jahren bei 0,1 cm. Die meisten Morbiditäten treten zu 10 bis 40 Prozent häufiger auf. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl sind die Unterschiede jedoch statistisch signifikant. Nicht alles was statistisch signifikant ist, ist jedoch auch klinisch relevant.

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Nun berechnet Boyle die „population attributable fractions“: Das ist der Anteil aller Ereignisse, der auf eine Ursache, hier die Frühgeburt, zurückzuführen ist. In der Formel ist die Zahl der exponierten Kinder (hier der Frühgeburten) ein Faktor.

Da Geburten in der 37. und 38. Woche (3.655 Kinder in der Kohorte) sehr viel häufiger sind als die eigentlichen Frühgeburten (225 Kinder), führt dies dazu, dass die „population attributable fraction“ bei den Geburten in der 37. und 38. Woche höher sind als bei den eigentlichen Frühgeburten – trotz der nur gering erhöhten Odds Ratio. Dies kann Boyle für alle Endpunkte zeigen.

Das Signal an das Gesundheitssystem wäre, sich vermehrt um diese Gruppe zu kümmern. Das wäre absurd: Zum einen würden Ressourcen, die bei den Frühgeboren dringend benötigt werden, auf andere Gruppen verteilt. Zum anderen wäre der Effekt, der bei den späteren Frühgeburten zu erzielen wäre für die einzelnen Kinder gering. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis dieser Maßnahmen wäre extrem ungünstig, und falls eine Maßnahme Nebenwirkungen hat, könnte auch die Nutzen-Schaden-Relation negativ ausfallen.

Wichtig ist die Untersuchung dennoch. Sie zeigt nämlich, dass Kategorisierungen in der Medizin gefährlich sind. Die Grenze zur Frühgeburt in der 32. Wochen mag sinnvoll sein. Sie bedeutet aber nicht, dass das Morbiditätsrisiko auf der einen Seite 1 und auf der anderen Seite 0 ist. Die Neonatologen müssen deshalb immer die Gesamtsituation der Neugeborenen berücksichtigen, wenn sie ihre Nachbeobachtung planen.

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