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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Deutschlandeindruck II: Wer ist Chef auf Station?

Montag, 23. April 2012

Während meiner kurzen Hospitanzzeit auf einer deutschen Krankenhausstation fiel mir ein ungewöhnlicher Umgangston zwischen Stationsarzt und Krankenschwester auf: Man duzte sich und war zwar sehr umgänglich miteinander, aber wehe es wurde zu viel angeordnet! Dann wurde seitens der Pflege gezetert und protestiert als stünde auf Station nicht das Wohl des Patienten an erster Stelle, sondern das des Pflegepersonals. Wenn die Anordnung trotz Protestes bestehen blieb wurde sie manchmal erst ein Tag später ausgeführt (“Wir hatten einfach keine Zeit”) oder durch Rücksprache mit dem Oberarzt (“Ist es wirklich nötig den Dauerkatheter zu ziehen?”) versucht zu umgehen.

Dieser Umgangston und –form schockierten mich. Denn auch wenn die USA recht flache Hierarchien kennt, so ist eindeutig festgelegt, dass es einen Weisungsbefugten (Arzt) und einen Weisungsempfänger (Krankenpfleger/in) im Krankenhaus gibt. Das Medizinstudium steht jedem Fleißigen offen, wer einmal Weisungsbefugter werden will.

Das Pflegepersonal wird zwar ihre Stimme – zu Recht – erheben wenn sie das Wohl des Patienten aufgrund einer ärztlichen Anweisung gefährdet sieht, aber alle anderen Anweisungen werden ohne Murren ausgeführt. Wird die Zeit knapp, dann verzichtet das Pflegepersonal lieber auf einige Minuten ihrer Pause als das Patientenwohl zu gefährden. So erlebte ich es in den USA.

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Es scheint hingegen eine andere Arbeitsatmosphäre zwischen Pflege und ärztlichem Personal in Deutschland zu sein, beinahe schon familiär: Jeder darf mitreden und mitentscheiden. Das empfinde ich zwar als nett für das Pflegepersonal, aber nicht sehr professionell. Außerdem gibt man vor dem Patienten kein gutes Bild mit solch einer Kakophonie ab. Oder erlebe ich derzeit auf Station nur die Ausnahme?

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Avatar #96091
Grosswardeyn
am Montag, 23. Juli 2012, 12:49

Pfleger erpresst wann er will Arzt durch Verantwortlichkeits-Missbrauch

Der Arzt ist immer vom Pfegern erpressbar. Wenn ein Pfleger es will, lässt er den Arzt stündlich zum Patienten springen (Erfahrung aus Bayern, Psychiatrie), denn der Arzt is nicht nur der Weisungsbefugte, sondern auch der Verantwortliche...
Ich glaube, der menschliche Anstandt lässt sich nicht durcg Gesetze ersetzen. Doch neigte Deutschland seit preußischen Zeiten zu Gesetzen statt Humanismus (zwei verlorne Weltkriege waren zur Lehre nicht genug)...
Avatar #103205
Patroklos
am Donnerstag, 26. April 2012, 16:26

Gegenseitigkeit.

Klare Trennung der Verantwortlichkeiten und respektvolle Ansprache. Da hilft ein ehrliches Sie sicherlich weiter als ein anbiederndes Dutzen.
Die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Pflege- und Ärzteschaft; die kaum existierende Akademisierung der Pflege, nicht seltene Abwertung der Pflegetätigkeit, versteckte Aggressionen gegen die Ärzteschaft; es kommt eine Menge zusammen, was dieses spezielle Verhältnis in Deutschland nicht gerade vereinfacht.
Aus länger zurückliegender Erfahrung muss ich allerdings sagen, dass das nicht nur einseitig ist.
Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Dienstag, 24. April 2012, 16:54

dann verzichtet das Pflegepersonal lieber auf einige Minuten ihrer Pause

Das tun die Ärzte in Deutschland doch auch. Und machen außerdem unbezahlte Überstunden; und nehmen auf eigenen Kosten an Fortbildungen teil.
Avatar #103979
brennnessel
am Dienstag, 24. April 2012, 13:33

Aus Sicht des Patienten und Außenstehenden

kann ich bestätigen, dass es wohl im einen oder anderen Fall tatsächlich einen vertraulichen Umgangston auf den Stationen zwischen den Chefs und der Pflege gibt. Das hängt jedoch anscheinend vom jeweiligen Chef ab. So jedenfalls meine Beobachtung auf einer Station, wo sich alle Duzten und der Arzt mit dem Personal tägliche Mahlzeiten einnahm - zusammengequetscht um einen kleinen Tisch im Personalraum. Eine andere Beobachtung bestätigt die Tendenz der Pflege sich gegen die Weisungen des Arztes vor Arbeiten zu drücken. So als es um eine Wundreinigung nach einem Bauchschnitt ging. Diese täglich vorzunehmen weigerte sich die Schwester schlicht und lautstark mit dem Verweis auf Zeitmangel. Das ging so einige Tage hin und her, bis der Arzt ein Machtwort sprach.
In der Tat gebe ich zu, dass man sich als Außenstehender schon so seine Gedanken macht, wenn man den herrschenden Umgangston mitbekommt. Es gilt womöglich doch dann auch hier das Prinzip Hoffnung. Hoffentlich hat das auf die Qualität der Leistungen nur einen förderlichen Einfluß.
Avatar #648457
matzelinho
am Montag, 23. April 2012, 23:28

lieber Kollege aus den USA

Es mag sein dass sie während ihrer kurzen Hospitanzzeit in diesem Krankenhaus einen solchen EIndruck gewonnen haben - die Handlungsweisen und Umgangsformen in dieser Klinik aber zu pauschalisieren und allen deutschen Pflegepersonen zuzuschreiben halte ich für ungerecht, unangebracht und unprofessionell.
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