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DSM-V: Diskussion um neue Psychosen und Depressionen

Mittwoch, 9. Mai 2012

Die Diskussion um den Amokläufer Breivik hat gezeigt, dass die Grenzziehung zwischen „verrücktem“ Verhalten und einer psychiatrischen Erkrankung schwierig ist. Für Breivik bleibt dies ohne Auswirkungen, da er so oder so lebenslang erhält. Er landet im Strafvollzug oder im Maßregelvollzug. Eine erfolgreiche Behandlung seiner Persönlichkeitsstörung würde kaum zu einer frühzeitigen Entlassung führen.

Auf der anderen Seite des diagnostischen Spektrums gibt es ebenfalls Probleme in der Grenzziehung. Eine psychiatrische Diagnose setzt vielen Menschen einen Stempel auf, den sie nicht so schnell wieder loswerden. Dies erklärt die Heftigkeit, mit der die geplante Revision des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) diskutiert wird. Die Auseinandersetzung betrifft auch die Psychiater hierzulande, denn das von der US-American Psychiatric Association herausgegebene „DSM“, das jetzt in der fünften Auflage (DSM-V) erscheinen soll, beansprucht für sich einen Geltungsanspruch, der über die Grenzen der US-amerikanischen Kultur hinausreicht.

Zu den positiven Seiten dieser Kultur gehört sicherlich die Bereitschaft, offen über Konzepte zu diskutieren. Die American Psychiatric Association hatte die ersten Entwürfe zum DMS-V ins Internet gestellt. Es kam zu einer heftigen Diskussion, die vor allem zwei neue Entitäten betrifft: Das „Attenuated Psychosis Syndrome“ umfasst zumeist jüngere Menschen, die Wahnvorstellung, Halluzinationen und Kommunikationsstörungen zeigen, aber niemals das Vollbild einer Schizophrenie entwickeln.

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Die Diagnose einer „Mini-Psychose“ würde sie für ihr späteres Leben brandmarken und einer unnötigen und mit Nebenwirkung behafteten Therapie aussetzen, und ihnen durch das „Mal“ einer Diagnose vielleicht auch die berufliche und soziale Karriere verbauen. Auf Ablehnung stieß auch die „Mixed Anxiety Depressive Disorder“, eine Mischung der beiden Gemütsstörungen, die so vage definiert war, dass sie auf den „neurotischen“ Nachbarn gepasst hätte.

Das Autorenteam des DSM-V um David Kupfer von der Universität Pittsburgh scheint jetzt bereit, die beiden Diagnosen fallen zu lassen – freilich ohne ihren Irrtum einzugestehen. Als Begründung wird genannt, dass die beiden Störungen sich in der Feldstudie nicht als reliabel erwiesen hätten: Diese Studien untersuchen, ob mehrere Psychiater bei ein und demselben Patienten die gleiche Diagnose stellen würden.

Das war bei den beiden neuen Entitäten nicht der Fall: Was für den einen ein Mensch mit einer überbordenden Phantasie ist, hält der andere bereits für Anzeichen einer Psychose. Was dem einen als neurotische Angst erscheint, mag dem anderen der Ausdruck einer berechtigten Sorge erscheinen. Vom Tisch ist wohl auch die Trauer-Depression.

Die Reaktion auf den Verlust eines Angehörigen gilt nicht mehr als krankhaft, wenn sie bei einem Menschen länger als gewöhnlich dauert. Ursprünglich wollten die Psychiater eine Frist setzen. Danach könnte die Trauer als Depression mit SSRI behandelt werden.

Auf einem anderen Gebiet leisten die Autoren noch Widerstand. Geplant war, die schleichende Ausweitung der Autismus-Diagnosen der letzten Jahre rückgängig zu machen. Tatsächlich besteht bei vielen US-Psychiatern die Neigung Lern- und Verhaltensprobleme in der Schule als Ausdruck einer Autismus-Spektrum-Störung zu betrachten.

Dies wird auch von vielen Eltern gefordert, da sie dadurch Anspruch auf staatliche Unterstützung erhalten. Dies knüpft die Diagnose nicht nur an die nordamerikanische Kultur der Leistungsgesellschaft, die Schwächeren in eine psychiatrische Diagnose drängt. Es schafft auch eine Nähe zur aktuellen Sozialgesetzgebung, was die US-Psychiater wohl vermeiden wollen.

Nach einer Studie der Yale Universität würde die Hälfte aller Patienten aus der Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung herausfallen. Dies würde nicht zuletzt auch den US-Psychiatern wirtschaftlichen Schaden zufügen und es bleibt abzuwarten, wie lange der Fachverband dem Drängen seiner Basis in diesem Punkt standhalten wird.

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