Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Persönliches

Freitag, 25. Mai 2012

Seit Juni des Jahres 2009 arbeite ich in Minneapolis als Assistenzarzt der Inneren Medizin und bin in unserem großen Lehrkrankenhaus und angeschlossener Praxis aufgrund der manchmal sehr langen Arbeitszeiten durch eine Weiterbildungszeit gegangen, die sich oft als Knochenmühle anfühlte. Im Rückblick war es ein holpriges Aufsteigen – holprig einerseits, weil es diverse emotionale und psychische Rückschläge neben vielen Sternstunden gab und Aufsteigen andererseits, weil in diesem Zeitraum eine massive Erfahrungs- und Wissensakkumulation stattfand und meine Selbstsicherheit und Autonomie als Internist stetig anwuchs.

Nicht umsonst ist die Facharztausbildung so klar strukturiert: Vom Assistenten im ersten Jahr, dem von vielen Seiten mokierten „intern“, der selbst einfachste Therapieentscheidungen wie Paracetamolverschreibungen mit seinen Kollegen abzusprechen hat, über den Assistenten im zweiten Ausbildungsjahr, der als “senior” und schon halbautonom agiert und als Lehrer für die Dienstjüngeren und Medizinstudierenden fungiert, bis zur Stufe des „Drittjährlers“, der bei uns einfach nur “third year” heißt, dem baldigen Facharzt.

Auf jener letzten Stufe bin ich nun angelangt, 2 Jahre und 11 Monate des US-Assistenzarztdaseins liegen hinter mir. Die Graduiertenfeier von uns „Drittjährlern“ findet in wenigen Wochen am 15. Juni statt, und alle Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Die gesamte internistische Ärzteschaft und allerlei Nichtinternisten – wohl mehr als 100 Ärzte in toto – werden hierzu erwartet. Es ist ein großer Tag mit vielen Reden und manches Tränchen wird wohl fließen.

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Wir Assistenten im dritten Jahr scharren entsprechend schon ungeduldig mit den Hufen und blicken voller Vorfreude auf unsere Arbeitsstelle, mich eingeschlossen. Nach vielem Abwägen, ob ich eine weitere Weiterbildung machen, nach Deutschland zurückkehren oder als Facharzt in den USA arbeiten solle, entschloss ich mich vor einiger Zeit, Letzteres zu tun und eine Stelle als Facharzt in Florida anzunehmen.

Wieso nun diese Entscheidung? Nun ja, nach Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt zurückzukehren, schien mir wenig sinnvoll; nicht nur Unzulänglichkeiten im System, sondern auch die Tatsache, dass ich wohl zwei Jahre als Assistenzarzt arbeiten müsste, was meiner Sehnsucht nach ärztlicher Autonomie missfallen würde. Weiterhin ist das US-System aus meiner Sicht ein sehr gut funktionierendes und mit beruflich hoher Befriedigung vergesellschaftet, was auf die hohe Technologieverfügbarkeit, den hohen Verdienst bei niedrigen Steuersätzen und das gute gesellschaftliche Ansehen zurückzuführen ist.

Aber weiterhin schwingt auch eine gewisse Angst mit, Angst, dass das US-System in naher Zukunft durch Reformen schlechter gemacht werden wird. Das Phänomen kennen wir aus Deutschland: Man zerreformiert ein System. So gehen aktuell viele Ärzte in den USA von einer Sozialdemokratisierung des US-Systems aus, was sich in einer Abnahme der ärztlichen Vergütung, Zunahme der allgemeinen Besteuerung und Bürokratisierung und Erhöhung der Kran­ken­ver­siche­rungsbeiträge von gesunden Arbeitnehmern zugunsten der gesellschaftlich Ärmeren manifestieren könnte. Daher lieber jetzt noch in diesem System als Facharzt arbeiten, quasi nach dem Motto “Besser gehts nimmer”. Diese Gedanken schwingen bei mir ebenfalls mit; im November ist ja voraussichtlich Obamas Wiederwahl und seine Reformen zeigen in diese Richtung.

Was bedeutet diese Entscheidung für den Blog? Ab Juli schreibe ich aus Florida, dann aus Sicht eines Facharztes, ggf. etwas weniger. Bis dahin noch einige Texte aus Minneapolis und Minnesota, die letzten Wochen des Assistenzarztdaseins genießend.

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