Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Das elektronische Rezept

Donnerstag, 7. Juni 2012

Seit dem 1. Januar 2012 müssen alle Rezepte in Minnesota elektronisch verschrieben werden, also ein eRezept (eprescription) sein. Ausgenommen sind nur Medikamente, die ein deutliches Missbrauchspotenzial haben, wie beispielsweise Narkotika oder Benzodiazepine. Unser Krankenhaus hat dieses Gesetz schon vor Jahren umgesetzt und schon seit Jahren verschreiben wir unsere Medikamente elektronisch, seit 2012 eben noch konsequenter.

Logistisch hat man sich das wie folgt vorzustellen: Der Patient wird bei Aufnahme bzw. wenn wieder kognitiv ansprechbar, nach seiner bevorzugten Apotheke gefragt. Er gibt dann z.B. eine Apotheke in einem bestimmten Supermarkt im Walmart im Süden von Minneapolis an. Die Krankenschwester tippt diese Angabe elektronisch in unsere digitale Patientenakte ein, klickt auf die dann erscheinende Adresse der Apotheke, gleicht sie nochmals mit dem Patienten ab und speichert das alles im EDV-System.

Wenn es dann auf die Patientenentlassung zugeht, bespricht der Arzt alle neuen und modifizierten Medikamente mit dem Patienten, bestätigt nochmals seine Apothekenwahl und schickt dann elektronisch alle relevanten Rezepte mittels Mausklick an die gewünschte Apotheke. Der Patient muss auf seinem Heimweg nur noch bei ihr vorbeigehen und die auf ihn dort wartenden Medikamente abholen.

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Das klingt gut, hat aber Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen auf der Hand: Geringe Wartezeiten, Reduktion des Papier-, Schreib- und Bürokratiebedarfs und hierdurch letztlich wohl eine Kostenersparnis (sieht man vom teuren Kauf und Wartung des EDV-Systemes ab). Aber wenn z.B. in letzter Minute sich Medikamentenänderungen ergeben, dann wird das System zu einer lahmen Ente: Man muss die Apotheke anrufen und das alte Rezept stornieren und ein neues elektronisch hinschicken.

Werden solche Anrufe nicht getätigt – was öfters vorkommt – hat der Patient plötzlich mehrere neue Medikamente und weiß nicht welches er nun einnehmen soll: Antibiotikum A oder B? Weiterhin passiert es nicht allzu selten, daß der Patient plötzlich nicht mehr die von ihm ursprünglich angegebene Apotheke nutzen will, sie schon geschlossen ist, und er das Antibiotikum erst in ein oder zwei Tagen abholen kann oder er über das Internet seine Medikamente beziehen will, da billiger.

Außerdem müssen bestimmte Medikamente mit Missbrauchspotential weiterhin in Papierform aus Sicherheitsgründen ausgegeben werden, weil dann neben den Verschreibungsnummern des Arztes auch noch seine Unterschrift zentral abgeglichen werden kann. Somit ist das elektronische Verschreibungssystem wie so vieles: Zwar eine Verbesserung im Verhältnis zum Papierzeitalter der 1990er Jahre, eine Notwendigkeit angesichts der ubiquitären Technologisierung, aber eben nicht der Riesenschritt wie er von der US- und Minnesota-Regierung gefeiert wird. Einen Stift muß ich also auch noch im Jahr 2012 mit mir herumtragen.

Leserkommentare

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Avatar #104037
popert
am Freitag, 8. Juni 2012, 00:14

Wo ist der Vorteil des Aufwandes?

Der entscheidende Schritt (gegenüber Deutschland) ist, dass der Krankenhausarzt die Rezepte ausfüllen und die ambulante Therapie bestimmen darf.
Ob er das per mail oder Papier macht, ist zunächst mal egal - in Deutschland müssen geschätzte 50% der empfohlenen Medikation abgeändert werden, weil die Kliniker keine Ahnung von den ambulanten Bedingungen (und den Regressfallen) haben.
Für die oben beschriebenen Situationen scheint mir das eRezept nur dann Vorteile zu bieten, wenn die Medikamente noch extra zubereitet oder bestellt werden müssen. Das ist in Deutschland eher selten nötig - hier könnte der Patient mit einem Papierrezept ohne Probleme die von ihm gewünschte Apotheke ansteuern.
Fazit: ein eRezept ist in Deutschland keine Verbesserung, sondern nur eine zusätzliche Fehlerquelle. Neu und teuer ist nicht automatisch besser.
Avatar #93878
stapff
am Donnerstag, 7. Juni 2012, 21:05

Und dann kommt ja noch dazu...

...dass die meisten Medikamente in US Apotheken noch speziell für den Patienten in Döschen abgefüllt werden, was Wartezeit oder einen zweiten Besuch in der Apotheke erfordert (zum Abholen). In diesem antiquierten Prozess ist das elektronische Rezept ein kaum wahrnehmbarer Fortschritt. Es ist ja eigentlich fast nichts anderes als praktisch eine e-Mail vom Krankenhaus an eine spezifische Apotheke.
Alles ist heute online möglich, Überweisungen, Aktien kaufen, zum Flug einchecken, Geldabheben mit Chipkarte an jeder Strassenecke - nur das Gesundsheitswesen ist eben ein paar Jahrzehnte hinter dem technisch möglichen. In USA und in Deutschland!
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