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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Der schnellste Arzt ist der beste

Montag, 23. Juli 2012

Als Facharzt im nun zweiten Arbeitsmonat werde ich allmählich Teil der hiesigen Krankenhauskultur, bzw. man versucht mich Teil von ihr zu machen; wenig überraschend ist man als Facharzt deutlich mehr unter Druck als Assistenzarzt. Die Krankenhausleitung ist ebenfalls ein Teil dieser Druckkulisse.

So wurden wir neuen Fachärzte vor wenigen Tagen zum Krankenhausdirektor gerufen, offiziell vorgestellt und erhielten zudem eine Art Willkommensvortrag. Anwesend waren neben fünf Ärzten die Sozialarbeitsleitung und der Leiter der Finanzabteilung: Man stellte uns Krankenhausstatistiken vor, wobei überraschend war, dass es schon nach vier Wochen Arbeitszeit offensichtlich auch Statistiken in Bezug auf uns fünf anwesenede Ärzte gab – man hatte richtig Tagebuch geführt über die Eckdaten von uns neuen Ärzten. Diese hatte man in Relation zu den der anderen Ärzten gesetzt und stellte die entsprechenden Ergebnisse vor.

Der Krankenhausdirektor legte uns in diesem Kontext dar, wie die durchschnittliche Patienten­verweildauer im Verhältnis zu denen anderer Kollegen abschnitt und wo und wie es Verbesserungs­bedarf gebe – es wurden solche Vokabeln wie “verpasste Möglichkeitstage” oder “Wachstums­potenzial” für zu lange Liegedauer gebraucht. Etwas peinlich berührt stellten wir Neuärzte fest, dass die meisten von uns schlecht abschnitten im Vergleich zu den anderen Ärzten und dass wir zu lange Verweildauern unserer Patienten aufzuweisen hatten.

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Der Krankenhausdirektor rechnete uns zudem vor, was das bezüglich der Morbidität und Mortalität für unsere Patienten zu bedeuten hätte, welcher Einfluss ein einziger Krankenhaustag statistisch auf die Infektionsquote des Patienten besitze und dass jeder Tag im Krankenhaus eine Erhöhung der Mortalität bedeute. Kurz verwies er auch auf das Einsparpotenzial für das Krankenhaus hin.

Dann entließ er uns mit netten und aufmunternden Worten. Aber das mulmige Gefühl, dass man als Arzt von allen Seiten beurteilt und beobachtet wird, blieb doch bestehen und das Gefühl, dass der schnellste Arzt der beste sei.

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Avatar #96694
Bruddler
am Dienstag, 24. Juli 2012, 17:21

"Grossartiges" Gesundheitswesen

In Deutschland ist es ja auch schon soweit. Kein Argument ist dumm genug, um Umsatz zu rechtfertigen: "... und dass jeder Tag im Krankenhaus eine Erhöhung der Mortalität bedeute." Klarer Fall: Wer ins Krankenhaus kommt, begibt sich in Lebensgefahr. Schnell raus. Umsatz, Umsatz, Fallpauschale. Keiner interessiert sich für die individuelle Notlage, die bei jedem einzelnen Patienten anders ist. Ach nein: Der Sozialdienst war bei der Moralpredigt ja auch dabei.
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