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Sport: Lebensrisiko oder Lebensgewinn?

Mittwoch, 18. Juli 2012

Im April 1954 veröffentlichte das British Medical Journal eine Studie, die damals alle aktiven Sportler aufatmen ließ. Sir Alan Rook von der Cambridge University war der Frage nachgegangen, ob aktiver Sport das Leben verkürzt. Dies war damals eine verbreitete Meinung und Rook zitiert den Renaissance-Schrifsteller Robert Burton (Hauptwerk: „Anatomie der Melancholie“), der dringend von allen Tätigkeiten abriet, die mit der vermehrten Produktion von Körperschweiß verbunden sind.

Sportler waren vielen Menschen suspekt, denn die psychologischen Faktoren, die Menschen dazu bewegten, sich an offenkundig sinnlosen und mit körperlicher Anstrengung verbundenen Tätigkeiten zu beteiligen, könnte sie auch im Alltagsleben zu unbedachten und riskantem Handlungen verleiten, die einem vorzeitigen Tod verbunden sind.

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Das Ideal war der Intellektuelle, der klug genug war, von solch törichten Aktivitäten Abstand zu nehmen. Sir Alan verglich in seiner Studie die Lebenserwartung von Cambridge-Studenten, die erfolgreich den sportlichen Wettbewerben der Universität teilnahmen, mit einer intellektuellen Kontroll-Gruppe.

Dabei half ihm das Alumni Cantabrigienses, ein Verzeichnis aller Studenten der Universität, für die ein langjähriger Präsident des Queens College in über 30 Jahren biografische Daten einschließlich des Todesdatums zusammen getragen hatte. Sir Alan kam zu dem Ergebnis, dass Sportler nur 1,5 Jahre früher starben als Intellektuelle, was, wie der Autor auch ohne statistische Auswertung wusste, wohl auch ein Zufallsergebnis gewesen sein könnte.

Ein halbes Jahrhundert später kommt die Gruppe von Forschern um die Epidemiologin I-Min Lee von der Harvard Medical School, Boston, in einer vom Lancet beauftragten Analyse zu einem ganz anderen und doch ähnlichen Ergebnis.

Anders als Rook beruhen die Berechnungen der Epidemiologin nicht auf einer einzelnen Quelle. Lee kombiniert die WHO-Daten zur Verbreitung von körperlicher Inaktivität in der Bevölkerung und bei Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus, koronarer Herzkrankheit sowie Darm- und Brustkrebs mit den Ergebnissen anderer Studien, in denen sich körperliche Inaktivität als Risikofaktor für diese Erkrankungen erwiesen hat. Die Kalkulationen von Lee sind für Nicht-Epidemiologen kaum nachvollziehbar und sicherlich weniger anschaulich als die Studie von Rook.

Lee kommt zu dem Ergebnis, dass die Eliminierung der körperlichen Inaktivität der Weltbevölkerung die Lebenserwartung um 0,68 Jahre verlängern würde. Das ist zwar nach den Berechnungen Lees ein signifikantes Ergebnis, der Nachteil ist jedoch nicht besonders groß.

Lee stellt deshalb die Berechnungen der attributablen Risiken (Population attributable fraction, PAF) in den Vordergrund. Die PAF gibt den Anteil an, den ein Risikofaktor an einer Erkrankung hat (genauer: Der Anteil der Erkrankungen, der durch den Wegfall des Risikofaktors vermieden würde).

Die PAF ist das Maß der Epidemiologen für die Krankheitslast („burden of disease“). Laut Lee erklärt die körperliche Inaktivität 6 Prozent aller koronaren Herzkrankheiten, 7 Prozent des Typ-2-Diabetes mellitus, 10 Prozent der Brustkrebs- und 10 Prozent der Darmkrebserkrankungen. Insgesamt verursache körperliche Inaktivität 9 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle, das waren im Jahr 2008 etwa 5,3 Millionen von 57 Millionen Todesfällen.

Es stellt sich die Frage, zu welchen Ergebnissen die Wissenschaftler wohl in 50 Jahren kommen werden. Vielleicht erkennen sie ja, dass körperliche Aktivität zwar die Fitness steigert, das Altern aber nicht aufhalten kann. Dass Inaktivität in epidemiologischen Studien mit den genannten Erkrankungen assoziiert ist, muss nicht bedeuten, dass es die Ursache ist.

Die pathogenetischen Erklärungen sind, vor allem für den Typ-2-Diabetes mellitus und die Krebserkrankungen, nicht sehr geradlinig. Inaktivität ist jedoch fast immer mit Übergewicht assoziiert und epidemiologisch mögen diese beiden Faktoren kaum zu trennen sein, was die Ursachenzuweisung erschwert.

Übrigens ist es auch bei der Adipositas nicht von vornherein einleuchtend, dass die zusätzlichen Pfunde schaden (mit der Ausnahme der Gelenkschäden). Im Gegensatz: Übergewicht lässt sich auch als obligatorisches Fitnesstraining deuten. Das Fettgewebe sind gewissermaßen die implantierten Hanteln und Gewichte aus dem Fitnesstudio.

Adipöse Menschen müssen hart arbeiten, sobald sie sich bewegen. Plausibler ist, dass nicht das Übergewicht, sondern die hyperkalorische Ernährung und die damit verbundenen Stoffwechselstörungen für die Gesundheitsrisiken verantwortlich sind.

Etwas absurd wirkt der von Lee gezogene Vergleich mit dem Rauchen, dessen Schädlichkeit sich experimentell belegen und plausibel durch die Noxen im Tabakrauch erklären lässt. Zu behaupten, Inaktivität sei genauso schädlich wie Rauchen, könnte in 50 Jahren als Beispiel für eine törichte Bemerkung von Epidemiologen herhalten, die in ihren Berechnungen vielleicht die Orientierung verloren haben und Assoziation mit Kausalität gleichsetzen.

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