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Umstrittene Heilversuche: Chirurgen „infizierten“ Glioblastom mit Bakterien

Dienstag, 31. Juli 2012

Die Universität von Kalifornien in Davis hat in der letzten Woche den Leiter der Neurochirurgie und einen Assistenten von allen Forschungsarbeiten suspendiert. Grund waren nicht genehmigte Heilversuche an drei Patienten mit Glioblastom. Paul Muizelaar und Rudolph Schrot hatten die Operationswunden absichtlich mit Enterobacter aerogenes infiziert. Aus dem Bericht der Lokalzeitung Sacramento Bee geht hervor, dass die beiden Chirurgen sich keines Fehltritts bewusst sind.

Ihr Ziel war es, durch die Infektion der Wunde eine starke Entzündungsreaktion auszulösen. Das dadurch aktivierte Immunsystem sollte sich dann auch gegen den Tumor richten. Die Therapie scheiterte bei zwei der drei Patienten: Sie starben an einer Sepsis. Der dritte erlag seinem Tumorleiden. Ob die Immunreaktion den Tod hinausgeschoben hat, wie die Chirurgen vermuten, lässt sich anhand eines Einzelfalls nicht belegen.

Der Heilversuch von Muizelaar und Schrot war nicht völlig aus der Luft gegriffen. So konnte das Team des renommierten Krebsforschers Bert Vogelstein vom Howard Hughes Medical Institute in Baltimore im Tierversuch zeigen, dass die Injektion von Clostridium novyi-NT, einem anaeroben Bakterium, eine starke Immunantwort gegen den Tumor auslöst und vielfach beseitigt (PNAS 2004; 101: 15172-7).

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Forscher der Columbia University in New York berichten, dass Patienten, bei denen es nach der Resektion eines Glioblastoms zu einer Infektion gekommen war, tendenziell länger überleben. Der Unterschied war bei der relativ kleinen Gruppe von 18 Patienten aber nicht signifikant (Neurosurgery 2009; 64: 828-34). Eine italienische Arbeitsgruppe beobachtete sogar eine Verdoppelung der Überlebenszeit von 16 auf 30 Monate (Neurosurgery 2011; 69: 864-8).

Daraus mögen Muizelaar und Schrot die Berechtigung abgeleitet haben, ihre Therapie auch ohne vorbereitende Tierversuche zu wagen. Ihre Bedenkenlosigkeit erklärt sich mit den Freiheiten, die Chirurgen in der Forschung eingeräumt werden. Im Gegensatz zu Medikamenten müssen neue Operationstechniken nicht von einer Kontrollbehörde zugelassen werden (was in einigen Bereichen, etwa der Hernien- oder der Inkontinenzchirurgie zu einem gewissen Wildwuchs geführt hat).

Was Muizelaar und Schrot nicht bedachten: Der Einsatz von Bakterien fällt in die Zuständigkeit der FDA, die die Versuche ablehnen musste. Dass die Chirurgen dennoch drei Patienten behandelten, hat jetzt ihre Forschungstätigkeit beendet.

Neben den ethischen und juristischen Aspekten zeichnen sich die Heilversuche durch eine wissenschaftliche Naivität aus. Das Risiko einer Sepsis war absehbar – und vermeidbar, da es Alternativen gibt. Die Immuntherapie von Krebserkrankungen ist ein ernsthafter wissenschaftlicher Ansatz der Forschung. Die meisten Teams arbeiten jedoch nicht mit lebenden, sondern mit abgestorbenen Erregern.

Oder sie versuchen es mit Impfstoffen, die bestimmte Antigene präsentieren, die Aufmerksamkeit des Immunsystems auf den Tumor zu lenken. Im letzten Jahr wurde in den USA mit Sipuleucel-T, ein erster Krebsimpfstoff zur Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom zugelassen. Die Wirkung dieser Therapie ist umstritten. Seine Sicherheit wurde jedoch in klinischen Studien geprüft.

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Avatar #655239
geodom
am Sonntag, 12. August 2012, 17:50

?

Geschah der "Versuch" mit Zustimmung der Patienten, oder ohne dessen Wissen?
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