Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Der Arzt verliert

Freitag, 24. August 2012

Eine Gedankenskizze möchte ich hier vorstellen, nicht mehr; dieses Mal keine Geschichte, keine politische Aussage oder Gesellschaftsandeutungsanalyse.

Die Patienten, die mir im Krankenhaus als Hospitalist begegnen, gehören zu den anspruchsvollsten Menschen, denen ich als Arzt je begegnet bin. Vieles mag der US-Mentalität des "gröβer, schneller, weiter" geschuldet sein und der dauerhaften Ich-Bezogenheit des hiesigen Systems, die aber auch in Europa allenthalben anzutreffen ist und z.B. die EU aktuell in den Abgrund treibt.

Es ist verflixt: Es wird das Paternalistische des Arztes gefordert in dem Sinne, dass er allzeit verfügbar zu sein hat, dass er Führungskraft beweist und nur das Beste für seine Patientenkinder anordnet und sich für sie aufopfert. Also eine Mentalität des 19. Jahrhunderts. Die Kehrseiten wie das Anordnen, ein barscher Umgangston und wenig Kommunikation bzw. Erklärung wird aber klar abgelehnt. Demgegenüber steht aber ein Patient mit einer eine Mentalität des 20. Und 21. Jahrhunderts, der meint, dass jegliche Therapiegewalt vom Patienten auszugehen hat und selbst Kleinigkeiten wie ein Natriumspiegel erklärt werden muss, und die Erklärung noch per Goggle nachgeprüft wird.

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Weiterhin hat der Patient nicht selten eine Egozentrizität, die eine Patientin mit metastasiertem Cholangiokarzinom mir gegenüber sehr direkt aussprach: „Doktor, alles muss mir erklärt werden. Denn es dreht sich alles nur um mich. Ich bin der Fokus, niemand Anderes.” Ich muβte daraufhin mehrmals schlucken.

Diese Mentalitäten sind inkongruent, wie das Dreieick und der Kreis. Es kann nur Irritation entstehen, wenn ein paternalistisch angehauchter Arzt wie ich, ein vom Selbstanspruch her aufopferungsvoller Arzt, mit Patienten des 21. Jahrhunderts zu tun hat. Die Lösung?

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Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Montag, 27. August 2012, 14:46

Sprechen Sie mit ihr und interessieren Sie sich für sie. Aber nicht nur für Ihre Krankheit und die Symptome, sondern für ihr Leben, ihre Sorgen, ihre Kinder, ihren Mann, ihren Beruf und auch das was ihr gefällt, was sie gerne macht, was ihr gut tut.

Wie dumm kann man eigentlich sein? Selbst wenn er das vielleicht gerne tun würde - er hat einfach nicht die Zeit dafür. Es sei denn, er möchte wie "normalerdoktor" für einen Stundenlohn <10€ arbeiten. Und nicht vergessen: der Engländer ist an allem schuld!
Avatar #648603
normalerdoktor
am Montag, 27. August 2012, 02:30

%3F = ?

(woher die Zeichen kommen weiß ich auch nicht - kann sie aber auch nicht mehr korrigieren)
Avatar #648603
normalerdoktor
am Montag, 27. August 2012, 02:22

Medizin heißt nicht umsonst auch Heil"kunst"

Eine Naturwissenschaft ist sie jedenfalls nicht. Sie schreiben: "...dass er Führungskraft beweist und nur das Beste für seine Patientenkinder anordnet und sich für sie aufopfert. Also eine Mentalität des 19. Jahrhunderts. Die Kehrseiten wie das Anordnen, ein barscher Umgangston und wenig Kommunikation bzw. Erklärung wird aber klar abgelehnt. Demgegenüber steht aber ein Patient mit einer eine Mentalität des 20. Und 21. Jahrhunderts, der meint, dass jegliche Therapiegewalt". Wieso muss Führungskraft mit barschem Umgangston, wenig Kommunikation und unzureichender Erklärung einhergehen%3F Und wer sonst sollte wohl die Therapiegewalt haben%3F Das ist das Dilemma einer Medizin, die - weil nur damit in industrialisiertem Stil wirklich viel Geld verdienet werden kann (Pharma, Medizingeräte) - vergisst, dass Ärzte mehr tun müssen, als Algorithmen und Leitlinien abarbeiten. Mein - wirklich vom Herzen ehrlich und nicht mit dem Zeigefinger gemeinter Rat (denn ich glaube, Sie haben ja eine Frage gestellt): Sprechen Sie mit der Frau, die vor Ihnen sitzt und sich (zu recht, wie ich finde) zum Fokus des Geschehens erklärt. Sprechen Sie mit ihr und interessieren Sie sich für sie. Aber nicht nur für Ihre Krankheit und die Symptome, sondern für ihr Leben, ihre Sorgen, ihre Kinder, ihren Mann, ihren Beruf und auch das was ihr gefällt, was sie gerne macht, was ihr gut tut. Seien Sie paternalistisch, indem Sie nicht im Detail alle Differentialdiagnosen der Hyponatriämie erläutern sondern einfach entscheiden, dass ein Gespräch über das, was nicht einfach zu messen ist, hier viel wichtiger ist. Die Patientin wird vielleicht irritiert sein - aber das können Sie riskieren, denn die Chancen stehen nicht schlecht, dass Sie in Ihnen erfreut eine leider seltener werdende Spezies entdeckt: einen Arzt der zuhören kann. Sie beide - Sie als Arzt und Ihre Patientin - werden die Lösung vielleicht (wahrscheinlich sogar) nicht sofort finden. Aber Sie können sich *gemeinsam* auf den Weg machen. Was meinen Sie%3F
Avatar #110419
ÄrzteblattBenutzername
am Samstag, 25. August 2012, 20:24

@screamner: Zickig und stolz drauf?

Ein arroganter, anspruchsvoller Patient zu sein, ist solange in Ordnung, wie man es auch akzeptabel findet, wenn der Arzt einen rausschmeißt. Wenn man das unverschämt oder ethisch inakzeptabel fände, sollte man den Arzt auch nicht provozieren.
Avatar #95536
screamner
am Samstag, 25. August 2012, 15:01

Glück gehabt...

Da können Sie froh sein, dass Sie kein Neurologe geworden sind. Von mir und anderen MS-Patienten würden Sie noch ganz andere Dinge hören. Paternalistisch angehauchte Ärzte sind bei mir ein besonders beliebtes Volk.
LNS
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