Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Armer deutscher Internist

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Als ich kürzlich zu Besuch in Berlin war, kam ich an einer Arztpraxis vorbei. Ich blieb stehen und betrachtete das fast schon gammelige Internistenschild, betrachtete die teils verblichenen Schriftzeichen, die heruntergekommene Tür und die davon zum Teil schon abbröckelnde Farbe. Ich musterte den Flur nun genauer und stellte fest, dass der Flurboden schon sehr abgetreten wirkte und dass es ein wenig darin zur frühen Nachmittagszeit müffelte.

Etwas erschrocken trat ich zurück als ich sah wie die Tür aufging und ein älterer Mann mit einem Rezept herausschlurfte. „Es ist ja eine aktive Praxis!“, schoss es mir durch den Kopf, denn innerlich hatte ich auf eine geschlossene Arztpraxis angesichts des äuβeren Erscheinens getippt. Durch den Türspalt sah ich im Hintergrund wohl an die zehn Patienten in einem etwas heruntergekommenen Wartesaal mit Rauhfasertapete sitzen und bemerkte einen abgewetzt wirkenden Teppich. Dann ging die Tür mit lautem Quietschen hinter dem Patienten zu, und ich sah wieder das alt wirkende Praxisschild.

Mit Erschrecken stellte ich fest, dass es einem Facharzt für Innere Medizin gehörte, also ein deutscher Fachkollege von mir. Ich machte schnell vier Bilder vom Schild, Flur und von der Tür und ging eilig davon, irgendwie ein ungutes Gefühl angesichts der Situation.

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In den USA zeigte ich die Bilder einem internistischen Kollegen – so arm ist man als Internist, wenn man eine anscheinend gut besuchte Praxis in einer gehobenen Berliner Gegend besitzt, dachte ich. Wir konnten nur den Kopf darüber schütteln. Wieso lässt ein deutscher Kollege so mit sich seitens der Kran­ken­ver­siche­rungen und des Staates umspringen, dass er anscheinend nicht ausreichend Geld für eine ansehnliche Ausstattung erhält? Wieso lassen deutsche Kollegen das mit sich machen? Das verstehe ich nicht.

Leserkommentare

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Avatar #648603
normalerdoktor
am Samstag, 20. Oktober 2012, 00:00

Ihr da sein

Lieber Kollege, wenn ein Arzt über sein Leben als Arzt in einem anderen Land schreibt, dann interessiert *mich* vor allem, wie es *ihm* dort geht mit seinem da sein. Als Arzt. In diesem anderen Land.

Für Analysen und Interpretationen von Politik und Gesellschaft der USA gibt es - mit Verlaub - wohl doch berufenere Autoren.

---
Trotzdem vielen Dank für den regelmäßigen Lesestoff!

Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Freitag, 19. Oktober 2012, 15:16

so arm ist man als Internist,

Es könnte auch sein, daß der Praxisinhaber angesichts der Tatsache, daß die Praxis gut läuft, keine veranlassung sieht, etwas zu erneuern. Bitte mehr Informationen über die sportlichen Aktivitäten. Liegt die aktuelle Zeit für den Marathon schon unter 2 Std.?
Avatar #112915
petrulus
am Freitag, 19. Oktober 2012, 01:39

Geld ohne Ende?

Lieber normalerdoktor: Wuerde es die Leser wirklich interessieren, wenn ich von meiner Max Weber und Emile Durkheim-Lektuere, von meinen Gitarrekursen, meinen sportlichen Aktivitaeten etc. berichten wuerde? Die Menschen in Griechenland, Spanien und Konsorten gehen doch vor allem des Geldes wegen auf die Strasze. Es ist traurig, doch das Geldthema ist ein Thema das sehr viele interessiert - Sie ja auch. Ich reflektiere weiterhin auch eine materialistische Gesellschaft in meinen Texten.
Lieber popert, die Statistik gibt mir recht, dasz deutsche Aerzte ueberproportional aermer sind als US-Aerzte. Wobei ich fuer US-Verhaeltnisse ja auch nicht sehr wohlhabend bin, das Los der Berufenen und Idealisten. Und: Naechstes Mal laufe ich uebrigens einfach in die Praxis hinein, klopfe an die Praxistuer und unterbreche den bestimmt viel Zeit habenden Arzt und stelle meine Frage: "Wieso sieht Ihre Praxis so arm aus?" Er nimmt sich bestimmt dann gerne die Zeit fuer eine Antwort!
Lieber stapff: In den USA uebernehmen vor allem die Auslaender, die unbedingt eine Aufenthaltsgenehmigung brauchen diese schlechten Praxen. Das ist alt bekannt. Und die wenigen Idealisten, die es auch hier gibt.
Danke uebrigens an alle fuers Mitlesen - ich gruesze Sie alle herzlichst!
Avatar #648603
normalerdoktor
am Donnerstag, 18. Oktober 2012, 23:19

Geld, Geld, Geld...

über etwas anders scheinen Sie nach wenigen Berufsjahren schon gar nicht mehr nachzudenken. Irgendwie öde.
Avatar #104037
popert
am Donnerstag, 18. Oktober 2012, 21:21

Jeder sieht was er sehen will

Lieber Herr Steinchen
Tatsächlich liegen zumindest die interventionellen Internisten in Deutschland in den gehobenen Einkommensregionen. Hausärztlich Tätige haben die rote Laterne - sowohl in Deutschland wie in den USA.
Wenn Sie eine Antwort auf ihre Frage wollen - warum haben Sie den Kollegen nicht selbst gefragt?
Wie sicher sind Sie, dass es in den USA nicht auch solche Schattenseiten gibt?
Was rechtfertigt Ihrer Meinung nach ein höheres Einkommen?
Heilungsraten? Arbeitszeit? Literaturzitate? Korrekte Arbeitsweise? Länge der Ausbildung? Kosten der Ausbildung? Handwerkliche Fähigkeiten? Hedonismus?
Oder ist es wie bei Künstlern - je mehr Spass die Arbeit macht, desto schlechter wird sie bezahlt?
Noch zwei kleine gemeine Fragen zum Schluss: was lässt sich in 6 Monaten ohne jede medizinische Ausbildung eher lernen - die Betreuung eines Multimorbiden oder Herzkatheter plus Stenting? Und was sollte besser bezahlt werden?
Avatar #93878
stapff
am Donnerstag, 18. Oktober 2012, 20:32

Überrascht?

Praxisausstattung und -räumlichkeiten sind eine Funktion von Einnahmen und Ausgaben. Das ist in USA nicht anders. Allerdings kommen dort eine exorbitante Abrechnungsbürokratie und astronomische Versicherungssummen hinzu. Und in manchen Regionen sind die Mieten geradezu schwindelerregend. Gehen Sie ' mal in Manhattan in eine Facharztpraxis, die nicht gerade auf Schönheitschirurgie oder Befindlichkeitsstörungen von Milliardären spezialisiert ist, dann wähnen Sie sich in einem Entwicklungsland und werden die oben genannte Berliner Praxis als eher luxuriös empfinden.
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