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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Entlarvung des Krankheitsgewinners

Montag, 10. Dezember 2012

Es gibt eine kleine Minderheit an Patienten, die ihre Erkrankungen vortäuschen aus primärem oder sekundärem Krankheitsgewinn. So wird es im Medizinstudium gelehrt. Es klingt einleuchtend, dass Menschen aus allerlei Gründen heraus eine Erkrankung vortäuschen. Der praktisch tätige Arzt wird in solchen Fällen damit konfrontiert, diese Diagnose nicht nur zu bedenken, sondern diese Menschen auch zu erkennen, sie also zu „entlarven”. Das ist schwierig.

So geschieht es regelmäβig, dass Patienten mit einer Opiataffinität – oder gar –abhängigkeit – alleine deswegen aufgenommen werden, weil sie Opiate verabreicht bekommen wollen. Sie tragen oftmals Diagnosen chronischer Erkrankungen, deren Schübe nicht klar zu objektivieren sind. Wer schon einmal Patienten mit akuten Schüben einer chronischen Pankreatitis oder einer Sichelzellanämie aufgenommen hat, oder Patienten mit epileptischen Pseudoanfällen, Dystonien oder chronischen Bauchschmerzen behandelt hat, weiβ, dass es keine einfachen Parameter gibt, um die Schwere und auch das reale Vorhandensein festzumachen.

Noch dazu dauernd diese Frage: „Was ist, wenn es dieses Mal doch ein echter Schub ist?” Ethisch darf man ihnen kein Placebo verabreichen, ohne es ihnen mitzuteilen, und als Arzt soll man sie unvoreingenommen behandeln. So durchläuft man also den selben Kreislauf aus CT, Laborwerten, Therapie, wiederholten Untersuchungen und Konsilen, ehe man – wieder einmal – einigermaβen sicher ist, dass der Schub doch vor allem einem Krankheitsgewinn diente. In solchen Momenten wird dann das Opiat radikal abgesetzt, und der Patient geht meist gegen ärztlichen Rat, weil er „vom Arzt nicht die Therapie erhält die er braucht”. Die Diagnose ist dann gesichert – bis beim nächsten Mal der Kreislauf sich wiederholt. Und die Gesellschaft begleicht oft die Rechnung hierfür.

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Avatar #653799
ignoranti
am Samstag, 26. Januar 2013, 17:27

Bravo!

@normalerdoktor
Bravo, Herr Kollege! Diesem Kommentar ist nichts hnzuzufügen. Er trifft absolut den Kern. Patienten als "Betrüger" zu betiteln und monetäre Gründe für offensichtliche, vorsätzliche Kunstfehler anzuführen, ist schon eine besonders perfide Art. Der Kollege sollte sich dringend einen anderen Beruf suchen, in dem er keine Menschen durch sein Tun gefährdet!
Avatar #648603
normalerdoktor
am Freitag, 25. Januar 2013, 15:37

Entlarvend

Dem Autor ist hoffentlich geläufig, dass es Patienten gibt, die unter chronischen, mitunter schubweise auftretenden Schmerzen der verschiedensten Körperregionen leiden, ohne dass sich dafür ein durch manuelle oder apparative Untersuchungen objektivierbares Korrelat finden lässt.

Das im Beitrag angeführt "reale Vorhandensein" von "Bauchschmerzen" beispielsweise kann von einem Arzt nicht deshalb bestritten werden, weil sich keinerlei objektivierbare Befunde erheben lassen. Schmerz ist ein Symptom, dessen Vorhandensein der Patient uns berichtet. Wir als Ärzte haben dies hinzunehmen und auch zu akzeptieren - selbst dann, wenn es uns besonders schwer fällt weil wir "nichts finden" und entsprechend auch unsere Maßnahmen offenkundig eher erfolglos sind.

Solchen Patienten aber - so wie es im Beitrag leider geschieht - zu unterstellen, sie gehörten zu einer "Minderheit an Patienten, die ihre Erkrankungen vortäuschen" und die dementsprechend zu "'entlarven'" seien, zeugt leider von einem erschreckend eindimensionalen Verständnis der Zusammenhänge seitens des Autors.

Wer als Arzt ein Opiat "radikal absetzt" begeht erstens einen ärztlichen Kunstfehler. Denn ein ausgeprägter Opiatentzug kann – ganz objektiv – eine schwere gesundheitliche Bedrohung für einen Menschen darstellen. Und ein Arzt, der einen Patienten vorsätzlich einem solchen Risiko aussetzt, kann dies keinesfalls dadurch rechtfertigen, dass er sich und die Gesellschaft gegenüber diesem "Abhängigen" moralisch im Recht sieht.

Und zweitens stellt der Arzt vermutlich auch noch regelmäßig Fehldiagnosen wenn ihm zu Patienten mit chronischen Schmerzen, hohem Opiatkonsum und weitestgehend unauffälligen Untersuchungsbefunden nicht mehr als die Diagnose "Betrüger" verpasst. Am Ende entlarvt er sich selbst, wenn er die "Schuld" für das Versagen seiner ärztlichen Bemühungen beim Patienten sucht und diesen dann moralisch verurteilt.

Die große Majorität solcher Patienten leidet vermutlich unter somatoformen Schmerzen. Solche Patienten werden häufig, leider aber in aller Regel erfolglos mit hohen Dosen von Opioden behandelt. Sie gehören aber nicht als "Krankheitsgewinner" "entlarvt" sondern in die Hände von Ärzten, die Erfahrung haben in der Therapie chronischer Schmerzen und psychosomatischer Krankheitsbilder.

Vielleicht stellen Sie sie einfach beim nächsten Mal so einem Kollegen vor.


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