Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Stets für den Patienten

Freitag, 21. Dezember 2012

Ärzte sind in gewisser Hinsicht in einer Machtposition: Durch ihre therapeutischen und diagnostischen Maβnahmen teilen sie Ressourcen der Allgemeinheit einzelnen Menschen zu. Natürlich sind die meisten Ärzte sich dieser Position bewusst und fühlen sich bemüβigt, zugunsten der Gesellschaft ressourcen­schonend zu arbeiten, gerade in Zeiten enger werdender Budgets. Leider beiβt sich das öfters mit den einzelnen Interessen eines Patienten, vor allem, wenn er multimorbide ist und die Behandlung oder Diagnostik nur kleine Vorteile bei der Gesamtbehandlung mit sich bringt – ist es dann besser zu therapieren oder zu rationieren?

Diesen Konflikt kann man als Arzt an für sich nur auf eine Weise gut lösen: Konsequent zugunsten des Patienten entscheiden. Will ich beispielsweise eine Patientin mit metastasiertem Mammakarzinom mit HER2-positivem Tumor adäquat behandeln, dann verabreiche ich ihr seit November 2012 nicht nur Trastuzumab, sondern Trastuzumab Emtansine (Verma S et al: “Trastuzumab emtansine for HER2-positive advanced breast cancer”, NEJM 367 (19): 1783-1791).

Die Zusatzkosten von geschätzten $50.000 je Patientin für knapp drei Monate längerer Überlebenszeit darf ich nicht berücksichtigen bei meiner Therapieentscheidung – das übersteigt meine Kompetenz als Arzt, denn ich behandele Einzelne und eben nicht Gesellschaften. Das ist Aufgabe der Gesellschaft, der Politik und der Kran­ken­ver­siche­rungen diese Fragen zu lösen und der Patientin zu vermitteln, nicht meine.

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So zögere ich mittlerweile nur noch Bruchteile einer Sekunde, ehe ich ein MRT-Kopf und Lumbal­punktion bei einem 88-jährigen dementen Patienten anordne, der die Indikationen (Schwindel, Ataxie) erfüllt, und bei dem die Familie diese Testsdurchgeführt haben will. Denn der hinter der Familie stets mir zuwinkende Rechtsanwalt würde im Gerichtssaal bei übersehener Meningiosis carcinomatosa oder
Normaldruckhydrozephalus mir nicht freundlich auf die Schulter klopfen, weil ich Ressourcen zu Gunsten der Gesellschaft gespart habe, sondern mir einen Strick wegen nicht gestellter Diagnose drehen.

Als Facharzt in den USA habe ich diese Lektion mittlerweile gut gelernt, nämlich daβ der vor mir sitzende Patient mit all meinem Wissen und Können, all den technologischen Möglichkeiten zu behandeln ist. Maximalmedizin bis zum letzten, so lautet die Maxime. Es ist nicht meine Aufgabe, ein kaputtes Gesundheitssystem zu reparieren und auch nicht meine Aufgabe als einzelner Arzt die Ressourcen der Gesellschaft auf einzelne Patienten zu verteilen. Weiterhin ist es nicht meine Aufgabe als Arzt dafür zu sorgen, daβ ein Krankenhaus Gewinn macht oder bankrott geht – das sollte völlig irrelevant in meiner täglichen Arbeit sein. Am Ende zählt nur, daβ ich jeden einzelnen Patienten als Individuum wahrnehme und ihn mit allen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten therapiere und behandele.

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Avatar #98372
Thelber
am Freitag, 28. Dezember 2012, 12:27

Tja, nur ....

was ist der Wille des dementen Patienten wirklich ?

Deckt sich dieser Wille des Patienten wirklich mit dem, was die Familie will ? Oder ist es lediglich schlechtes Gewissen (aus welchem Grund auch immer) oder gar "nur" aus Unfähigkeit, jemanden sterben sehen zu müssen - etwas früher eben ohne Maximalmedizin. Aber oft genug ohne Lebensqualität.

Meine betagten Patienten (Demenz in erheblichem Ausmaß ausgeschlossen) sagen oft, dass ihnen Lebensqualität wichtig ist, nicht Lebenstage. Und erwarten von mir auch, dass ich dem entsprechend handle !
Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Samstag, 22. Dezember 2012, 18:23

Irgendwie nichts neues

Hatten wir das Thema nicht schon mal? Ich bin mehr an Geschichten über den ganz normalen Wahnsinn in den USA interessiert.
Avatar #96694
Bruddler
am Samstag, 22. Dezember 2012, 09:10

Im Sinne des Patienten?

Spielt es fuer Sie keine Rolle, dass der 88-jaehrige vielleicht unter Ihren Massnahmen leidet, die Familie und Rechtsanwalt von Ihnen fordern? Und wie wollen Sie eine so kontroverse Diagnose wie NPH zuverlaessig nachweisen? Wie verantworten Sie es, dass mit der selben Logik dann nach gestellter kontroverser NPH-Diagnose eine nutzlose Shuntoperation gemacht wird? Der Patient den Rest seines Lebens mit nosokomialen Infektionen im Krankenhaus verbringt? Bei jedem Fieberchen der ganze Apparat von Shuntinfektions-Ausschlussdiagnostik einschliesslich Vancomycin und pseudomembranoese Colotis uber den armen 88-Jaehrigen ausgeschuettet wird? Natuerlich nur wegen des Rechtsanwalts der Familie. Klar doch. Und welchen klinischen Vorteil hat Ihr 88 jaehriger dementer Patient in seinrm wirklichen Leben, wenn Sie eine Meningeosis carcinomatosa diagnostizieren? Der "Vorteil" wird darin liegen, dass er die Zeit, die er noch hat im Krankenhaus statt bei seiner Familie verbringt. Lieber Petrulus, der Glaube, dies sei im Interesse des Patenten, das ist ein Irrtum.

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