DÄ plusBlogsVom Arztdasein in AmerikaUS-Gesundheitsreform 2013 – Teil I
Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

US-Gesundheitsreform 2013 – Teil I

Freitag, 15. Februar 2013

Die berufliche Motivation der US-amerikanischen Ärzteschaft ist nicht viel anders die ihrer deutschen, französischen oder englischen Kolleginnen und Kollegen. Man arbeitet in den USA aus einer Mischung aus Altruismus, Empathie, Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung, Lust an gesellschaftlich hohem Status, Hoffnung auf sehr gute finanzielle Vergütung und Liebe am Umgang mit dem Menschen heraus. Es mag natürlich sein, dass der finanzielle Impetus historisch und gesellschaftlich bedingt jedoch etwas ausgeprägter ist – doch auch der europäische Arzt konsumiert gerne. 

Im Laufe der Jahre und seiner Ausbildung gewöhnt sich ein Arzt in einer bestimmten Gesellschaftsform und Kultur an eine jeweils spezifische Mischung dieser Komponente, findet seine Nische im Gesundheits­system. Aus US-Sicht heraus erstaunt es beispielsweise immer wieder, wie gering der Gehaltsniveau vieler europäischer Ärzte ist. Umgekehrt erstaunt es viele europäische Ärzte, wie hoch der juristische Druck und die Arbeitsauslastung der US-Ärzte ist.

Doch man hat sich eben an sein jeweiliges System gewöhnt und arbeitet darin gewohnheitsmäβig
weiter. Kommt nun der Status Quo in Bewegung und das ehemals gewohnte Eingerichtetsein gerät aus der Balance, fühlen sich je nach Ausprägung dieser Gleichgewichtsverschiebung weniger oder eben viele Ärzte unwohl und lamentieren. Bei groβer Verlagerung verlassen dann auch die ersten Ärzte das
System, und es muβ erst Zeit wieder vergehen, ehe die nachwachsende Generation sich mit dem neuen Status Quo arrangiert hat.

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Genau diese Gleichgewichtsverschiebung ist durch das „bezahlbare Kran­ken­ver­siche­rungsgesetz” (von hier an als „BKG” abgekürzt, auf englisch „Affordable Care Act”, „ACA”), gemeinhin auch als „Obamacare” bekannt, geschehen. Das Gesetz ist dabei sehr voluminös mit seinen 1.990 Seiten (http://housedocs.house.gov/rules/health/111_ahcaa.pdf) und kann dabei nicht in seinen Details hier dargestellt werden. Aber Monat um Monat werden immer mehr Details umgesetzt und der Veränderungsdruck wird immer stärker, das Lamentieren ist mittlerweile täglich und beinahe ubiquitär.

Denn das Gesetz macht den Ärzten sehr zu schaffen, und aufmerksame Leser der US-Fachjournale werden mittlerweile gemerkt haben, dass in beinahe jeder Ausgabe mindestens ein Artikel Stellung zu den Auswirkungen des Gesetzes bezieht, zunehmend mehr Studien zu den verschiedenen Aspekten veröffentlich werden, und gehäuft Patienten und Ärzte zu Wort kommen, um die angestoβene Gesetzesänderungen aus ihrer individuellen Perspektive zu besprechen. Das Gesetz hat die US-Medizingemeinschaft nachhaltig verändert. Die nun folgenden Blogtexte sollen einige persönliche Erfahrungen und damit Erläuterungen zum BKG anbieten.

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Avatar #590772
Ein Hausarzt
am Mittwoch, 20. Februar 2013, 22:06

Antwort

@ "normaler Doktor (med.??).
Nun weiss ich nicht genau, was "Henry I" unter akademischem Proletariat versteht, da er Ihre Frage bislang noch nicht beantwortet hat.
Ich selber verstehe darunter die systematische Degradierung eines einstmals freien Berufsstandes zu Handlangern der Politik, der Krankenkassen und der im Gesundheitwesen tätigen Konzerne. Befeuert durch systematische Desinformation ("Docbashing") in den Medien. Eine ähnliche Degradierung unseres Berufes gab es einst in der Sowjetunion, wo die Ärzteschaft als subversiv und parasitär verschrien war. Ähnliche Entwicklungen, eine in den Medien geschürte Neidkampagne zum Einkommen der Ärzte, eine Kriminalisierung i.R. der regelmäßig unkritisch abgedruckten sog. "Studien" der Kassen zum Abrechnungs-oder Verordnungsverhalten,um das Vertrauen der Patienten zu ihren Ärzten zu zerstören, sind auch hier schon deutlich spürbar.

Was das Einkommen betrifft, hat sich Kollege "Henri I" nicht geäußert.
Aber vielleicht gelingt es den Medien ja auch noch, die Neiddebatte in die Ärzteschaft selbst zu tragen.
Avatar #648603
normalerdoktor
am Montag, 18. Februar 2013, 13:12

Ärztestand = "akademisches Proletariat"?

@Henry I: Lieber Kollege, würden Sie uns erläutern, was genau Sie damit meinen, wenn Sie feststellen, dass wir als Ärztestand (inzwischen) ein "akademisches Proletariat" seien?

Und wären Sie - falls Sie die Vergütung der Ärzte für einen Teil der von Ihnen festgestellten Proletarisierung halten - bereit uns mitzuteilen, welches Jahresgehalt vor Steuern (in EUR) Sie für einen Facharzt für angemessen halten?
Avatar #103070
Henry I
am Freitag, 15. Februar 2013, 21:22

Wird so wie in "good old Europe"

Die Obamisten versuchen offensichtlich (was wohl im Prinzip auch so befürchtet wurde), die Zustände, an den Europa seit langem krankt, auch in den USA zwangsweise einzuführen.
Nämlich aus dem Ärztestand ein akademisches Proletariat zu machen, welches durch Politik und Medien nahezu beliebig erpressbar ist.
LNS
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