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Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Persönliche Anmerkungen II – wirtschaftlicher Druck in der Medizin

Freitag, 7. Juni 2013

Spätestens nach dem Untergang der letzten Gegenideologie zum US-Modell des Kapitalismus – also des Sowjetkommunismus Anfang der 1990er Jahre – schien die Marktwirtschaft als treibende Kraft auf breiter Front gesiegt zu haben. Von da an gab es keine nennenswerte Alternative zu den Gesetzen des Marktes und nur leise Widerstände vor allem aus der islamischen Welt wurden vernommen.

Nicht überraschend begann in der gleichen Zeit, also in den 1990er Jahren, eine starke Privati­sierungswelle in Deutschland: Die Deutsche Bundesbahn, Post und Telekom wurden privatisiert und gingen zum Teil sogar einige Jahre später an die Börse. Man forderte zunehmend die Einbindung der
Mutter in das Arbeitsleben und schuf Kitaplätze hierfür, schuf eine privatisierte die Zusatz-Rentenversorgung (“Riester-Rente”) und verkaufte ehemals staatliche Immobilien an Privatinvestoren. Ein gängiges Wort war damals das “Auslagern”, bzw. im englischen “outsourcing”. Auch die Medizin wurde zunehmend Marktmechanismen unterworfen, wie die Einführung des DRG-Modells und die Privatisierung vieler Kliniken deutlich machen. Wir Ärzte bleiben bis heute davon in Deutschland betroffen.

Mutterland dieser Entwicklungen ist fraglos die USA. Hier ist fast jede Facette des täglichen Lebens vom Markt durchdrungen und selbst ein sozialdemokratisch eingestellter Präsident wie Dr. Obama kann wenig daran ändern. Der ärztliche Alltag wird dominiert von wirtschaftlichen Überlegungen: So wird mir als Arzt ein hoher Bonus in Aussicht gestellt und gezahlt, wenn ich eine bestimmte Zahl an Patienten gesehen habe. Bestimmte Fachgruppen wie Orthopäden werden hofiert, weil sie einem Krankenhaus hohe Einnahmen bescheren können und demjenigen Arzt, der wirtschaftlich arbeitet, gilt viel Respekt. Alles scheint dem Geld untergeordnet.

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Vor kurzem wurde meine Gruppe von einer nationalen Gruppe übernommen und seither ist der wirtschaftliche Druck noch stärker geworden: Wir haben einige (teure) Ärzte entlassen, dafür viele (weniger teure) Arztassistenten eingestellt, und es wird erwartet, dass unser Patientenvolumen entsprechend ansteigt. Jeder Arzt arbeitet nun mit einem Arztassistent und uns Ärzten wird hierfür ein hoher Bonus versprochen. Doch im Gegenzug steigt das Volumen von knapp 25 Patienten pro Tag auf mindestens 35, wenn nicht gar 40 an.

Doch wollen wir das? Wir werden nicht gefragt. Mich stört diese Öko­nomi­sierung ungemein. Ich mag nicht den Druck der Quantität. Ich habe nicht deswegen den Arztberuf gewählt, um fließbandmäßig Diagnose und Therapie anzuordnen, um als kognitiver Spezialist zwar bestens vergütet zu werden, dafür aber unter hohem Arbeitsdruck und –verdichtung zu leiden.

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Avatar #109757
Loewenherz
am Donnerstag, 13. Juni 2013, 13:08

Nachvollziehbar...

Nachvollziehbar! Was sie gerade erleben ist ja auch einer der Hauptgründe warum derzeit deutsche Kollegen gerne mal ins Ausland abwandern - der Patientendurchsatz steigt, nicht zuletzt weil es halt eben nicht mehr um "Volksgesundheit", sondern um Konzerngewinne geht.
LNS
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