Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vom Arztdasein in Amerika

Den Arzt googeln

Donnerstag, 27. Juni 2013

85-jähriger Patient, Aspirationspneumonie, mäβiggradig dement und nun gebessert – ich will ihn in sein Pflegedomizil entlassen. Als ich die Patientenakte aufschlage, sehe ich sofort, dass die ihn betreuende Krankenschwester mir einen roten Notizzettel eingeheftet hat: „Bitte rufen Sie die Tochter an. Ihre Mobiltelefonnummer lautet…” Es ist zwar ein voller Visitentag, doch ich komme, wie im Prinzip immer, der Aufforderung nach. Ich wähle die Nummer, am anderen Ende hebt eine dynamisch klingende Frau ab und antwortet ganz nach amerikanischer Manier: „Hallo?”

„Dr. Petrulus hier. Ich rufe Sie, nun, um vertraulich zu sein, wegen Ihres Vaters William an. Können Sie mir bitte, ehe ich Ihnen persönliche Details erzähle, mir seinen Nachnamen und Geburtsdatum nennen?” Denn in den USA muss man sich an hiesige Gesetze mit entsprechenden datenschutzrechtlichen Bestimmungen, die scharf eingeklagt werden können, halten. Sie nennt mir die Daten ihres Vaters und bittet mich ihrerseits nun, meinen vollen Namen zu buchstabieren und ihr genau zu sagen, wer ich sei. Das ist eine typische Frage in den USA und ich komme ihrer Bitte nach.

Während ich ihr vom Krankheits- und Genesungszustand ihres Vaters berichte, scheint sie nebenbei etwas zu machen. Plötzlich unterbricht Sie mich: „Ich habe Sie gerade gegoogelt. Sie sind wirklich erst Anfang 30? Sie haben in Deutschland studiert? Sind Sie denn nun Amerikaner oder Deutscher? Ach, jetzt sehe ich ja Ihr Bild und Bewertungen.”

Anzeige

Das ist mir nun schon einige Male passiert, aber jedes Mal empfinde ich das als sehr ungewohnt. Transparenz nennt man das. So ganz fühlte ich mich in dem Moment nicht wohl und brauchte auch dieses Mal einige Sekunden, um wieder den Faden zu finden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #103205
Patroklos
am Donnerstag, 4. Juli 2013, 12:58

Gläserner Arzt.

Amerikaner haben ein etwas anderes Verständnis von Höflichkeit. Ich finde so etwas unverschämt.
Ihr Blog ist immer wieder interessant.
LNS
Alle Blogs
Gesundheit
Gesundheit
Vom Arztdasein in Amerika
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Frau Doktor
Pflegers Schach med.
Pflegers Schach med.
Dr. werden ist nicht schwer...
Dr. werden ist nicht schwer...
Global Health
Global Health
Dr. McCoy
Dr. McCoy
Das lange Warten
Das lange Warten
Sea Watch 2
Sea Watch 2
PJane
PJane
Praxistest
Praxistest
Res medica, res publica
Res medica, res publica
Studierender Blick
Studierender Blick
Britain-Brain-Blog
Britain-Brain-Blog
Unterwegs
Unterwegs
Lesefrüchtchen
Lesefrüchtchen
Gratwanderung
Gratwanderung
Polarpsychiater
Polarpsychiater
praxisnah
praxisnah